Warum eigentlich „BO“?

Bindungsorientierte Elternschaft

Bedürfnisorientierte Erziehung

Attachment Parenting (AP)

Unerzogen

BO

 

Ist das nicht alles das gleiche?

 

Ein klares Jein- das ist aber gar nicht der Punkt!

Dennoch eine kurze Erklärung der genannten Sichtweisen:

„Unerzogen“ (auch „Antipädagogik“) lehnt den Begriff der „Erziehung“, definiert als manipulative Formungsbemühung Erwachsener gegenüber Kindern,  per se als gewaltvolles Verhalten rigoros ab.

Üblicherweise wird „Bedürfnisorientierte Erziehung“ dem „Attachment Parenting“ gleichgesetzt und als die Berücksichtigung der sieben Punkte Familienbett, Tragen, Stillen, Verzicht auf Schlaftranig, Bonding, Promptes Reagieren auf Weinen definiert. „Attachment Parenting“ bedeutet also Erziehung mit dem Fokus auf Bindung, und so wird auch die „Bindungsorientierte Elternschaft“ meist als deutsches Pendant dazu betrachtet.

Die Problematik, die AP besonders in seiner Ursprünglichkeit und in Verbindung mit dem Gründer William Sears mit sich bringt, hat Nora Imlau in ihrem Artikel zu den Wurzeln des Attachment Parentings sehr fundiert erklärt.

Auch wenn ‚Bedürfnisse und „Bindung“ essentielle Themen im Leben mit Kindern sind, genügt mir unabhängig von dem Zusammenhang mit Sears, der diesbezügliche Fokus eher für die Zeit mit einem Baby oder auch kleinere Kindern. In Bezug auf Jugendlichen ist es oftmals nicht ausreichend. Nicht insoweit, als dass Eltern älterer Kinder in einigen Fällen damit, meiner Erfahrung gemäß, nicht ausreichend „gutes Werkzeug“ an der Hand haben, um den Alltag friedlich zu gestalten. Deshalb und vor allem aus meiner eigenen Erfahrung mit meinen mittlerweile teilweise erwachsenen Kindern, ist es mir wichtig BO noch ein 3. „B“ hinzuzufügen:

  1. Bindungsorientiert
  2. Bedürfnisorientiert
  3. Beziehungsorientiert

Spätestens mit dem Beginn der Autonomiephase, werden meiner Meinung nach Aspekte, wie das Recht auf eben Autonomie, Selbstwirksamkeit und Integrität unumgänglich, um eine wirklich gleichwürdige und vor allem friedliche Beziehung mit seinen Kindern und der Familie allgemein leben zu können. Gerade im Umgang mit jugendlichen Kindern wird es mit „nur“ bedürfnisorientiert ziemlich schnell ziemlich unkonkret. Das hängt natürlich aber auch stark von der eigenen Definition des Begriffs „Bedürfnis“ ab. Das Grundbedürfnis nach Autonomie jedoch, wird mir in der generellen AP-Definition nicht ausreichend explizit angeführt. Auch wenn viele „APler“ diesen Punkt aus einer gelebten Haltung und Kenntnis entwicklungspsychologischer Zusammenhänge heraus, sowieso „automatisch“ auf die Beziehung zu ihren auch wachsenden Kindern übertragen. Das mag wohl auch daran liegen, dass Attachment Parenting am Ende eben auch immer häufiger mehr Lebenseinstellung als Erziehungsmethode für Eltern ist und besonders bindungsorientierte Elternblogger mit pädagogischem Hintergrund, wie z.B. “Das gewünschteste Wunschkind” ausführlich über bspw. die Autonomiephase aufklären. Eltern, die sich in der „Online-AP-Blase“ bewegen, können dieses Wissen dann natürlich in den Umgang mit ihren Kindern integrieren. Frisch gebackene Eltern allerdings, die vielleicht erst auf Attachment Parenting oder Bedürfnisorientierte Erziehung gestossen und nun womöglich in einer eher strikten Facebookgruppe gelandet sind, haben diese Kenntnisse leider nicht immer und stoßen manchmal erst dann auf diese so wichtigen Themen, wenn sie sich aufgrund von Erziehungsschwierigkeiten aktiv auf die Suche nach Hilfe machen.

Eine schöne deutsche Definition zum Attachment Parenting übrigens, die wesentlich ganzheitlicher als die amerikanische Originalversion ist, findet sich auf der Seite Bindungstraeume.de, die auch so, mehr als empfehlenswert für Themen rund um einen bindungsorientierten Umgang in der Familie ist.

Entscheidend ist die Bindung zum Kind, nicht der Begriff, der diese Bindung benennt!
(Olivia Asiedu-Poku)

Warum dann überhaupt eine Definition für ein Zusammenleben mit Kindern?

Konkrete Bezeichnungen dienen uns Menschen vor allem auch dazu, uns mit Gleichgesinnten zusammen zu tun, was besonders für Eltern mehr als hilfreich ist. Grundsätzliche Leitlinien, verstanden als Richtung statt Handlungsanweisung, und gemeinsame Ideale, können besonders in schwierigen Phasen oder Erziehungssituationen wertvolle Orientierung bieten, und darin unterstützen, eigenen Werten getreu und authentisch der elterlichen Verantwortung nachzukommen.

Als ich zu Beginn meiner Onlinefamilienarbeit immer wieder extreme Streitigkeiten, Verurteilungen von Müttern und ein teilweise erschreckendes Gegeneinander unter überzeugten Eltern verschiedener Erziehungsideen, insbesondere auf Social Media-Plattformen, nicht nur mitbekam, sondern auch Teil dessen wurde, wuchs mein Wunsch nach einer neuen Begrifflichkeit.
Obwohl u.a. die wunderbare Journalistin und Autorin Nora Imlau engagiert seit vielen Jahren in diesem Bereich aufklärt (und dabei immer wieder auch auf Gegenwind stößt…), werden leider weiterhin oftmals bspw. die “Klassiker” Stillen, Tragen, Familienbett” als Ausschlusskriterien für die Entstehung einer guten Bindung zwischen Mutter und Kind erachtet. Das setzt gerade Erst-Eltern häufig unter einen enormen Druck, der dann schlechtestenfalls tatsächlich nicht bindungsdienlich ist.

  1. Als Bloggerin, sah ich die Notwendigkeit nach einem Term, der Eltern hilft, sich untereinander konstruktiv zu verbinden, statt sich an unterschiedlichen Sichtweisen aufzuhängen und zu verfeinden.
  2. Als Familiencoach begegneten mir in meiner Arbeit gerade mit Frauen, unsagbar viele Mütter, die aufgrund einer extrem kindbezogenen Auslegung von sowohl Attachment Parenting, als auch der Schlagworte Bindungs- und Bedürfnisorientiert, am Ende ihrer Kräfte oder sogar therapiebedürftig waren. Die oftmals in Zusammenhang zu AP stehende Überstilisierung der Mutter, als wichtigste Bezugsperson eines Kindes, spielt dabei eine grosse Rolle und bremst so nebenbei auch jegliche, gerade für Familien so wichtige Gleichstellungsdebatte, komplett aus. So war es mir ein großes Anliegen, die wichtigen Punkte „Bedürfnis und Bindung“ im Umgang mit Kindern in eine klare Sichtweise zu integrieren, die solche Missverständisse ausschliesst. Mein Wunsch war und ist, Eltern darin zu unterstützen eine eigene, wohlwollende Haltung zum Thema Familie und Gleichwürdigkeit (nach JesperJuul „Was Familien trägt“, (Kösel-Verlag, 2006, S. 24)) zu entwickeln, ohne sie darin zu bestärken, in den typischen elterlichen Leistungsdruck zu verfallen. Außerdem ist es mir ein Anliegen auch gerade ältere Kinder und Jugendliche offensichtlich zu integrieren, denn die Wichtigkeit der Eltern-Kind-Beziehung hört schliesslich nicht, wie es manchmal den Anschein hat, mit dem Schulalter auf!
  3. Familien mit Einschränkungen oder konkret Kindern mit Behinderung fallen gerade in Diskussionen auf Social Media immer wieder hinten runter. Gerade in Zusammenhang mit (vermeintlich!) „Unerzogen“ werden Eltern medizinische Diagnosen ihrer Kinder manchmal „abgesprochen“ und in Extremfällen ganze Krankheitsbilder, wie bspw. Autismus verleugnet. Das allein macht manche Begrifflichkeit für mich nicht nur grenzwertig, sondern teilweise sogar familienfeindlich. Es ist wichtig, alle Familienformen zu inkludieren, anstatt die Tatsache zu verwässern, das es eben nicht den EINEN richtigen Umgang mit Kindern geben kann, weil jedes Kind und jede Familie verschieden ist. Das aufgrund ideologischer Ideen und überholter Mutterbilder zu ignorieren ist schlicht diskriminierend.

Dies gelingt mehr und mehr auch mit durch BO. Insbesondere natürlich aber auch durch die bereits vor meiner eigenen Arbeit in dem Bereich zahlreich tätigen Autoren, und ebenso Dank permanenter Aufklärung in genau diesen Themen durch wundervolle Blogger und auch Eltern, die sich in der Social Media für genau diese Werte einsetzen. Ich bin von Herzen dankbar, dass sich der Begriff innerhalb weniger Jahre derart durchgesetzt hat. BO erfindet Bindung nicht neu, ermöglicht aber mit dem Fokus auf essentielle Gemeinsamkeiten verschiedener bindungsrelevanter „Erziehung“-Perspektiven, einen wohlwollenden Austausch (insbesondere online) unter Eltern. Tatsächlich ist heute an vielen Stellen, an denen damals noch über „nur“ AP und „noch nicht“ Unerzogen gestritten wurde, schlicht die Rede von „BO“- wissend über die Unterschiede, aber mit Blick auf das Wesentliche – die gute Eltern-Kind-Beziehung, durch Fokussierung von Bindung und gemeinsamer Bedürfnisse. Das ist wundervoll und soll zeitgleich in keinster Weise abwertend gegenüber anderen Idealen oder Konzepten verstanden werden.
Dennoch freue ich mich über jedes positive Feedback, das mich erreicht, von Eltern, die durch „BO“ endlich die so notwendige Leichtigkeit im Familienalltag spüren dürfen. Auch, weil sie sich zugestehen, ihren ganz eigenen Weg finden und gehen zu dürfen. Nicht weil BO „funktioniert“, sondern weil BO sie darin ermutigt hat, SEIN zu zu lassen. Und zwar ihr(e) Kind(er) UND sich selbst! BO bedeutet 
gemeinsam miteinander Wege zu finden, mit denen es allen Beteiligten gut geht, und dies ebenso jeder Familie zuzugestehen.

 

Hier geht es zur Offiziellen BO-Definition!

 


 

Disclaimer:
Ich distanziere mich hier ganz deutlich von der Antiautorität.
Es geht mir um einen respektvollen, gleichwürdigen Umgang innerhalb der Familie. Auf Augenhöhe auch mit den Kindern, wie es Alfie Kohn in „Liebe und Eigenständigkeit“ beschreibt. Frei von Machtmissbrauch und Manipulation, aber voller Verantwortung und liebevoller Führung – BO!