Bedürfnisorientiert, Bindungsorientiert, Eltern
Schreibe einen Kommentar

Warum ich nicht traurig bin, wenn mein Kind traurig ist

Ich habe es ganz lange gar nicht oder wenn, nur sehr schwer ertragen können, wenn eines meiner Kinder traurig war.
Das geht wahrscheinlich manchen (oder vielen) von Euch ganz genauso, oder?
Mein Problem dabei war, dass ich mich auch schlecht fühlte, wenn mein Kind sich schlecht fühlte.
Mir konnte es nicht gut gehen, wenn es meinen Kindern nicht gut ging.

Klingt erstmal logisch und nach „guter Mutter“, aber auch wenn wir genau diese Tatsache, die sich eben oftmals in der Eltern-Kind-Beziehung so deutlich zeigt, gern als Merkmal für eine besonders innige Verbindung (Liebe?) zu einem Menschen, in dem Fall zu unserem Kind, benutzen, fühlte es sich für mich nie richtig, vielleicht besser gesagt nie angemessen an.
Half es meinen Kindern wirklich in ihrer Not, wenn ich diese teilte? Also wirklich meine ich? Löste es irgendetwas oder half zumindest dabei? Nachhaltig, nicht nur in der jeweiligen Situation.
Geteiltes Leid ist halbes Leid? Stimmt (vielleicht), aber ist meine elterliche Aufgabe nicht mehr?

Warum war das so?

Die Erklärung liegt meiner Meinung nach mal wieder in der
(Fehl-)Definition verschiedener Begrifflichkeiten, bzw. in der Unwissenheit über all die Gefühle, die wir „automatisch“ erleben, wobei einige davon vielmehr (unbewusste) Reaktionen als wirkliche Gefühle sind.

In diesem Fall konkret in der Unterschiedlichkeit der Worte:

Empathie
Mitgefühl
Mitleid

Wir geben meist (besonders gegenüber uns selbst…) vor, ersteres zu spüren, wobei unser Empfinden eher letzterem gleicht. Je nachdem, wie wir was definieren, oder gar, wie ich es auch immer wieder erlebe, sogar alle drei als „das gleiche“ in einen Topf werfen.

Interessant ist, dass das englische Wort „empathy“ tatsächlich erst seit 1909 existiert.
Zuvor gab es zwar bereits im altgriechischen zumindest klanglich ähnliche Begriffe (z.B. „empátheia“), die aber inhaltlich nichts oder wenig mit der heutigen Bedeutung zu tun hatten.
Als der Experimentalpsychologe Edward B. Titchener Werke von Theodor Lipps ins Englische übersetzte kreierte er den Term „empathy“ um das deutsche Wort „Einfühlung“ auszudrücken. Auch die Psychoanalytikerin Alix Strachey, die mit ihrem Mann James Strachey für die Übersetzung des Gesamtwerkes Sigmund Freuds ins Englische bekannt geworden ist, hat sich ebenfalls für „empathy“ als Synonym für Einfühlung entschieden.
Man geht davon aus, dass das deutsche „Empathie“ aus dem englischen quasi zurückübersetzt wurde.

Menschen definieren heute Empathie sehr unterschiedlich.
Blöderweise oft viel zu emotional motiviert…

Ich selbst  habe für mich sehr viel aus den Arbeiten von Tania Singer ziehen können, die einen deutlichen Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl aufzeigt.

Singer:

„Empathie ist eher wie eine Resonanzfähigkeit – man teilt ein Gefühl mit einem anderen Menschen, ist aber der Gefahr ausgesetzt, überwältigt zu werden und in empathischen Stress zu geraten. Mitgefühl dagegen hat eine andere Qualität. Es hat etwas von der Fürsorge einer Mutter, die ihr Kind tröstet und ist verbunden mit positiven, beruhigenden und liebevollen Gefühlen.“

Hier findet Ihr ein sehr aufschlussreiches Interview mit ihr dazu:

Hirnforschung „Mitgefühl lässt sich trainieren“ (Klick!)– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de

Wer sich allgemein für das menschliche Sozialverhalten (also auch das kindliche!) interessiert, dem kann ich die Neurowissenschaftlerin und Psychologin nur empfehlen.
Sie ist Direktorin der Abteilung für Soziale Neurowissenschaft am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das menschliche Sozialverhalten. Mittels eines interdisziplinären Forschungsansatzes untersucht sie sowohl neuronale, hormonelle als auch entwicklungsbedingte Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens sowie soziale und moralische Emotionen (z. B. Empathie, Mitgefühl, Neid, Rache, und Fairness)

Grundsätzlich wichtig finde ich die derzeit üblichsten Definition zu kennen, um sich überhaupt erstmal damit auseinander zu setzen und das Thema für sich ergründen zu können.
Wer es nicht so genau wissen mag, darf gern nach folgendem Absatz in kursiv weiterlesen.

Aktuelle Empathie-Definitionen

„Nach Paul Ekman handelt es sich weder bei Empathie (Mitgefühl) noch bei Mitleid um Emotionen, sondern um Reaktionen auf die Emotion eines anderen Menschen. Ferner unterscheidet Ekman zwischen kognitiver und emotionaler Empathie: „Kognitive Empathie lässt uns erkennen, was ein anderer fühlt. Emotionale Empathie lässt uns fühlen, was der andere fühlt, und das Mitleiden bringt uns dazu, dass wir dem anderen helfen wollen …“.

Arthur Ciaramicoli unterscheidet zwischen authentischer Empathie und funktionaler Empathie. Letztere hat manipulative bzw. ausbeuterische Ziele von Werbung bis hin zu Sadismus, z. B. Missbrauch, Folter usw.

Leonardo Badea bezeichnet Empathie als eine Fähigkeit, die in nahezu allen Lebensbereichen entscheidend für den Erfolg ist. Menschen und vor allem Führungskräfte mit besonders ausgeprägten empathischen Fähigkeiten haben bessere persönliche Beziehungen, können sich selbst und andere stärker motivieren; sie lernen schneller und genießen ein größeres Vertrauen.

Nach Lawrence Shaw,  Elizabeth Egal sowie Tharrenos Braitsis und Co-Autoren werden drei Formen unterschieden:

  • Emotionale Empathie
  • kognitive Empathie 
  • soziale Empathie.

Emotionale (affektive) Empathie ist die Fähigkeit, das Gleiche zu empfinden wie andere Menschen (Mitgefühl); man nennt sie auch emotionale Sensitivität. Die kognitive Empathie ist vergleichbar mit der Theory of Mind; es ist die Fähigkeit, nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken und Absichten anderer Menschen zu verstehen und daraus korrekte Schlussfolgerungen zu ihrem Verhalten abzuleiten. Bei der sozialen Empathie handelt es sich um die Fähigkeit, komplexe soziale Situationen (Systeme) mit Menschen unterschiedlicher Kulturen, Charaktereigenschaften und Werthaltungen zu verstehen, um mit ihnen konstruktiv kommunizieren zu können.

Für die neuere Hirnforschung behauptet die Neurowissenschaftlerin Tania Singer eine messbare Differenz zwischen „Empathie“ und „Mitgefühl“. Ihre „Schmerzempathie-Experimente“ zeigen, dass das empathische Miterleiden von fremdem Schmerz von einem anderen neuronalen Netzwerk verarbeitet wird, als das aktiv-wohlwollende Mitgefühl. (…) Während die spontane Empathie mit dem Leid Anderer zu emotionaler Erschöpfung führen kann, ist unter den gleichen Umständen das aktive Mitgefühl belohnend und trainierbar.

Ähnlich argumentiert auch der amerikanische Psychologe Paul Bloom. „Empathie heißt: Ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Mitgefühl bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn.“ Das Mitgefühl („compassion“) sei Ausdruck der Vernunft, die zwischen dem spontanen, distanzlosen Mitempfinden und dem kalt-distanzierten Verstand vermittelt“
(Quelle: Wikipedia)

Es gibt also durchaus zahlreiche, durchaus unterschiedliche, in sich meist sehr plausibel Definitionsansätze, die ich tatsächlich allesamt für beachtenswert erachte. Daher möchte ich an dieser Stelle in keinem Fall eine allgemein gültige oder „richtige“ Sichtweise auf Empathie und ihre „Verwandten“ nennen.
Dennoch ist es wichtig, dass Empathie eben nicht pauschal mit Mitleid, Sympathie oder Mitgefühl gleichgesetzt werden kann. Ganz egal, was davon man wie definieren mag- es gibt Unterschiede, die zu kennen einiges einfacher macht.

Im Roman „Ungeduld des Herzens“ schreibt Stefan Zweig:

„Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das eigentlich gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens vor der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“

Ich habe mich irgendwann dazu entschieden, dass ich, unabhängig aller Auslegungen genau DAS gegenüber meinen Kindern empfinden will, wenn es ihnen nicht gut geht:

Schöpferisches Mitleid!
Ich will geduldig und mitduldend sein.
Unsentimental und entschlossen.
Bereit alles zu durchzustehen bis zum Letzten meiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.

Ich glaube das ist die Form von LIEBE, die unsere Kinder in genau solchen Momenten brauchen.

Ganz egal, wie man das nun benennen mag- schöpferisches Mitleid gefällt mir persönlich ziemlich gut, und mein Gefühlsleben ist heute tatsächlich weit weniger abhängig von der Gemütslage meiner Kinder.

Was aber in jedem Fall ganz sicher unabdingbar, wenn vielleicht auch nicht immer sonderlich gemütlich ist- um all diese Gefühle (Reaktionen…), fühlen zu können, müssen wir erstmal lernen uns selbst zu spüren. Unsere Gefühle zuzulassen- alle!
Vor allem aber gilt es dabei unsere Bedürfnisse dahinter zu identifizieren.

Diesen manchmal schmerzhaften Schritt können wir unseren Kindern wiederum durch einen bedürfnisorientierten Umgang schönerweise ersparen.
Wenn wir ihnen gestatten ihre Gefühle- ebenfalls alle! zu spüren und ausdrücken zu dürfen. Wenn wir (mit ihnen gemeinsam) nach ihren Bedürfnisse suchen und Strategien für deren zu Befriedigung finden.

Auch deshalb:

  • Bedürfnisorientiert
  • Bindungsorientiert
  • Unerzogen
  • Whatever- hauptsache BEziehung!

Olivia

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwei × 4 =