Offizielle BO-Definition

13 Punkte für ein friedliche(re)s Familienleben

Bindungs-, Bedürfnis, Beziehungsorientiert
GLEICHWÜRDIG!

Erwartungen loslassen
Verständnis haben
Familie MITEINANDER leben!

Einleitung

BO erfindet das Bindungsrad nicht neu!
Doch wird mit der Konzentration auf relevante Gemeinsamkeiten verschiedener bindungsorientierter „Erziehungs“-Perspektiven, ein wohlwollender Umgang unter Eltern gefördert. Gerade in der Social Media, die heutzutage wesentlicher Ort von Austausch und Diskussion zu familienspezifischen Themen ist.
Der gemeinsame Fokus auf Verbindendes ist immer Grundlage für konstruktives Miteinander. BO steht somit nicht nur für Bindung zwischen Eltern und Kind, sondern auch VERbindung Erwachsener, was u.a. Motivation für die Gründung des gleichnamigen sozialen Eltern-Netzwerks war.
Außerdem rücken durch die Erweiterung von Bindung und Bedürfnissen um die „Beziehung“, ältere Kinder und v.a. auch Jugendliche mehr in den Fokus eines friedlichen, zugewandten Zusammenlebens. Die klare Betonung der Wichtigkeit auch elterlicher Bedürfnisse und Ressourcen, hilft zu vermeiden, dass Bindungsorientierte Elternschaft, wie leider häufig gegeben, allzu leicht zum „Leistungssport“ wird. 

BO distanziert sich deutlich von frauenfeindlichen und überholten Mütterbildern. Die Glorifizierung der Mutter als wichtigste Bezugsperson bremst jede, gerade für Familien so wichtige Gleichstellungsdebatte aus. Zudem wird auch in Zusammenhang der Bindungstheorie und aktueller Forschung, auf welche sich BO immer bezieht, gleichberechtigt von Vater und Mutter bzw. engen Bezugspersonen gesprochen, wenn es um Bindung geht. Auch wenn noch immer häufiger Frauen die Haubtbezugsperson ihrer Kinder sind, ist der Umkehrschluss, dass dies im Interesse des Kindes so sein muss, überholt und diskriminiert Frauen biologistisch in ihrem Recht auf freie Lebensgestaltung. 

Generell betrachtet BO alle Familienformen als gleichwertig. Insbesondere Familien mit Kindern mit Behinderung dürfen nicht aufgrund verallgemeinernder Handlungsvorgaben, in ihren individuellen und notwendigen Bedürfnissen und Ansprüchen an den Umgang mit ihren Kindern, ignoriert werden.

BO distanziert sich ebenfalls von jeglichen Ideologien, gleich welcher Herkunft. Insbesondere rechtsradikales Gedankengut und jedwede Form von Diskriminierung sind nicht mit dem BO-Grundwert von Gleichwürdigkeit vereinbar. 

WICHTIG:
BO ist bindungsorientiert.
BO ist bedürfnisorientiert.
BO ist beziehungsorientiert.
Ein Umkehrschluss jedoch ist nicht immer treffend!

Das ist wichtig um einer destruktiven Verwässerung entgegenzuwirken.

Vorab zu den folgenden 13 BO-Punkten gilt, dass es dabei, wie in der allgemeinen Entwicklungspsychologie, deren Kenntnisse als Grundlage dienen, um gesunde Kinder geht. Dennoch gibt es sehr wohl absolut gesunde Kinder, die aufgrund ihrer Persönlichkeit oder auch Kinder mit Behinderung bspw. die eine engere CO-Regulierung und Unterstützung oder auch trotz allgemeiner Annahmen aus bspw. der Bindungsforschung, spezifische Motivationsformen oder einen gänzlich anderen Umgang benötigen.
Wichtig dabei, dass JEDES Kind auch hierbei ein Recht, auf die Wahrung seiner Integrität hat, ihm zeitgleich aber aufgrund dieses Rechts, keine indivuelle Unterstützung versagt werden darf, sondern abwägend, ein für alle Beteiligten gangbarer Weg gefunden werden muss.

1. Grundlage ist die moralische Akzeptanz der Gleichwürdigkeit* aller Menschen und das Vertrauen darin, dass jedes Kind von Geburt an richtig ist, ganz genau so, wie es eben ist.

 

2. Die Begleitung von Kindern nach BO umfasst neben den Punkten Bindung und Bedürfnisse einen weiteren dritten – die Beziehung. Die insgesamt 3 gleichwertigen BOs lauten:

 

  1. Bindungsorientiert
  2. Bedürfnisorientiert
  3. Beziehungsorientiert


3. Selbstverständlich gibt es zahlreiche notwendige Fähigkeiten für ein 
soziales gesellschaftliches Miteinander, weshalb es wichtig ist es, Kinder von Beginn an, als vollwertigen Teil der Gemeinschaft zu betrachten, und sie am Leben nicht nur teilhaben zu lassen, sondern aktiv mit einzubeziehen.

Dazu gehört das Recht auf eigene Wahrnehmung, Empfindung und Meinung– ohne diese auf Grund von Adultismus als „kindlich nebensächlich“ abzuwerten, sondern als mitentscheidungsrelevant hinsichtlich der Belange des Kindes gelten zu lassen.

 

4. Klassische Erziehungsmethoden, wie bspw. das Prinzip der Belohnung und Bestrafung führen bei vollkommen gesunden Kindern idR. nicht zu nachhaltigem lernen von erwünschtem Verhalten, sondern vielmehr zu Konditionierung, welche nach BO als Objektivierung des Kindes gilt und somit dem BO-Wert „Gleichwürdigkeit“ nicht entspricht. Gleiches gilt für jede Form von bspw. Schlaf- oder Sauberkeitstraining.

 

5. Kompetenzen, die noch nicht voll ausgebildet sind, erlernt ein gesundes Kind idR. anhand der Bindung, guten Beziehung zu seinen Bezugspersonen, deren Vorbild, einem lebendigen Miteinander auf Augenhöhe und natürlicher Konsequenzen seines und des Handelns anderer. In dem Zusammenhang betont BO, dass aktiv von Erwachsenen herbeigeführte Konsequenzen als Bestrafung zu betrachten sind.

 

6. Respekt und Empathie beispielsweise können nicht anerzogen werden. Nicht, wenn sie mehr, als bloß abrufbares Verhalten sein sollen. Kinder werden Kraft Vorlebens zu mitfühlenden Erwachsenen, wenn ihnen und anderen ebenso begegnet wird. Hervorzuheben ist hier unbedingt die Fähigkeit der elterlichen Eigenempathie. Die Möglichkeit des Miterlebens eines authentischen Umgangs seiner Eltern mit den eigenen erwachsenen Gefühlen und Emotionen, im Gegensatz zur Überstilisierung allein kindlichen Befindens, ist wesentlich für die Entstehung einer mitfühlenden und sozialen Wahrnehmung des Kindes von Umwelt, Mitmenschen und auch seiner selbst.

 

7. Grundsätzlich geschieht die Begleitung von Kindern nach BO in Abhängigkeit von Alter und vor allem ihrer, definiert durch den individuellen Entwicklungsstand, persönlichen Reife.

Als Grundlage gelten hier immer aktuelle Zusammenhänge der Entwicklungspsychologie als auch zeitgemässe, bindungs- und bedürfnisrelevante pädagogische Erkenntnisse.

 

8. BO ist weder Methode noch Erziehungskonzept.
Erziehung verfolgt idR immer ein (kurz- oder auch langfristiges) Ziel, was in einem BO geprägten Miteinander nicht der Fall ist. Die Begleitung von Kindern nach BO, konzentriert sich auf das Jetzt und die gute Beziehung zueinander in der Gegenwart, denn:

 

„Wer wünscht, dass sein Kind später mal glücklich ist, darf nicht vergessen, dass es ihm dafür heute gut gehen muss!“

 

9. Dabei dürfen Eltern, aber auch unbedingt ihre eigenen Grenzen erkennen, denn diese wahrzunehmen und zu schützen ist unumgänglich. Für das eigene Wohlbefinden, welches im Leben mit Kindern nicht, wie in überholten insbesondere Mütterbildern, hinten anzustehen hat, sondern Bedürfnisse aller Familienmitglieder als gleichwertig anzuerkennen sind. Außerdem fehlt es Eltern ansonsten sehr schnell an Ressourcen, welche einen zugewandten Blick auf ihre Kinder und auch sich selbst, erst ermöglichen.
Eltern sind dazu eingeladen, eigene Bedürfnisse (wieder) kennenzulernen und Strategien zu erlernen, diese zu erfüllen.
Das bedarf oft Kreativität, Austausch mit Gleichgesinnten oder auch, wenn die eigenen Privilegien es zulassen, tatkräftige Unterstützung inner- oder außerhalb der Familie von anderen Erwachsen. In herausfordernden oder komplex erscheinenden Situationen bspw., wenn gewünscht und möglich, in Form professioneller fachlicher Beratung. Bindungsorientiert arbeitende Fachpersonen finden sich u.a. HIER auf der Seite des Vereins „Bindunsg(t)räume“.
Nach dem Sprichwort „Es braucht ein Dorf, um ein Kind gross zu ziehen“ , ist Unterstützung ein absoluter BO Grundpfeiler. Dadurch, dass es Familienkonstellationen gibt, in denen Unterstützungsoptionen quasi nicht gegeben sind, kann der aktive Support von Eltern untereinander oftmals eine wertvolle Hilfe sein, weshalb BO auch für die Vernetzung von Familien untereinander steht.

 

10. Beziehung heisst zuhören aber auch sich mitzuteilen, und so entstehen natürlicherweise individuelle Regeln in der Familie, die sich allerdings an allen Familienmitgliedern orientieren, und den Kindern nicht wie althergebracht von oben nach unten übergestülpt werden, geschweige denn unumstößlich wären.
BO steht nicht für ein Miteinander ohne Regeln und Vorgaben, insbesondere nicht im Zusammenleben mit kleinen Kindern, da gerade diese, zwar temperamentsabhängig, doch zumeist Regelmässigkeiten und Strukturen für ein sicheres Gefühl von Halt und Geborgenheit brauchen und mit dem Wegfall massiv überfordert wären.
Kinder können nicht für sich allein sorgen, das ist Aufgabe der Eltern. Damit dies wirklich fürsorglich gelingt und sich auch auch kindsseitig so anfühlt, ist es nötig, dass Kinder in all ihrem Sein gesehen und ernst genommen werden. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ihnen zu geben, was sie selbst aufgrund ihres Wesens brauchen, statt dem, was wir uns als Eltern, oftmals aufgrund tief sitzender Glaubenssätze und übernommener statt reflektierter Überzeugungen, für sie wünschen.
Das ist höchst individuell und ohne wirkliche Verbindung zwischen Eltern und Kind nicht möglich.

10. a) Abwägung von Zumutbarkeiten für einen kleinen Menschen erfordert immer Berücksichtigung emotionaler Reife, Entwicklungs- und gegewärtigen Gemütszustands des Kindes. Der erste Schritt in herausfordernden Situation ist immer das Bemühen seitens des Erwachsenen um Verbindung, oder in bspw. emotional sehr aufgeladenen Situationen, zumindest die Einladung hierzu. Nur ein „bedürfnissattes“ Kind, welches in seinen Grundbedürfnissen befriedigt ist, kann gesunde Kooperationsbereitschaft zeigen.
Diesen Zustand der Sättigung verlässlich herzustellen, ist Verantwortung des Erwachsenen. Und zwar ohne daraufhin ein angepasstes Verhalten des Kindes zu erwarten- Kooperieren zu MÜSSEN weil man KANN, macht aus Kooperation schlicht Gehorsam.

Neben den 2 BOs Bindung und Beziehung, sind dies sehr häufig weitere Bedürfnisse nach bspw. ausreichend
–  Schlaf
–  Nahrung
– Möglichkeit zum (Freien) Spiel
– Körperliche und geistige Auslastung
– Integrität und Selbstwirksamkeit

 

11. Über alledem steht die elterliche Verantwortung. Sowohl für die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, aber auch unbedingt die physische und emotionale Sicherheit des Kindes. Diese Sicherheit geht immer vor!

 

12. Für diesen wertschätzenden gleichwürdigen „BO-Blick“ auf Kinder und Erwachsene, braucht es unbedingt ein klar definiertes, wohlwollendes Menschenbild und vor allem eigene klare Werte, weshalb ein grundsätzliches Interesse von BO-Eltern, an sich selbst, statt ihren Kindern zu arbeiten, unerlässlich ist.

 

13. Wie das in der Praxis für jeden einzelnen ausschauen kann, entscheidet jede Familie anhand von gegebenen Strukturen und Umständen aber auch verfügbaren Ressourcen für sich.

Familie ist so wunderbar bunt und lebendig, dass es nach BO wenig hilfreich ist, Eltern feste Vorgaben für konkrete Handlungen zu machen. Kinder dazu zum Gegenstand einer starren, allgemein gültigen Methode zu machen, steht nach BO moralisch konträr zu Respekt und Anerkennung der Individualität jedes Menschen – auch der kleinen.
So muss bspw. sowohl die Ernährung eines Säuglings mit der Flasche statt zu stillen (Ein Bsp. keine Empfehlung!)  als auch der Kinderwagen satt Tragetuch (Ein Bsp. keine Empfehlung!)  nicht im Widerspruch zu BO stehen, gleichwohl BO zunächst die Natur gegebenen bindungsfördernden Abläufe präferiert. Allerdings nur dann, wenn diese der jeweiligen Familie Unterstüzung sind. Der beste Weg, ist immer der, der dafür sorgt, dass es allen Familienmitgliedern gut miteinander geht.

 

Abschluss:

  • BO ist somit lediglich eine Richtung- den genauen Weg bestimmen Eltern und Kinder gemeinsam.
    Vor allem müssen und dürfen sie ihn selber gehen!
  • BO motiviert gleichwürdige Handlungsintentionen, ohne die Handlung konkret festzulegen.
  • BO Werte dienen Eltern bei der Entwicklung einer eigenen konkreten, vor allem ganzheitlichen Haltung und Blick auf das Thema Familie und sollen ihnen diesbezüglich als Unterstützung und keinesfalls als Druck dienen.
  • BO fördert Verstehen und Verständnis für Eltern und Kinder und keinesfalls vermeintlich gutes Benehmen kleiner oder gute Leistung grosser Menschen.


BO ist demnach nichts für Menschen, die die (vermeintliche) Sicherheit eines Erziehungsratgebers wünschen.
BO erfordert Eigenverantwortung und Mut für eigene Entscheidungen.
BO ist nicht immer einfach, aber lohnt sich!
Für alle Beteiligten.

Olivia Asiedu-Poku, Dezember 2017
(letztmalig überarbeitet im März 2020)

 

Ein weiterführender Artikel von mir zum Thema Regeln und Grenzen findet sich hier: Warum und wann Grenzen Freiheit sind

 


*Anmerkungen/Quellen:

Bindung:

https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/0-12-monate/bindung/

https://www.kinder-verstehen.de/aktuelles/zu-enge-bindung-eine-neue-straftat/

http://www.verhaltensbiologie.com/publizieren/fachartikel/PDF/EK11.pdf

https://www.kinder-verstehen.de/wp-content/uploads/kapitel-10-das-neue-bild-von-bindung.pdf

Kindergarten:
https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/so-eine-also-bist-du/

Was Babys brauchen:
https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/meine-buecher/kinder-verstehen/kinder-verstehen-faq/babys-brauchen-vor-allem-eines-ganz-viel-liebe-gilt-das-auch-aus-evolutionaerer-sicht/

Mein Verständnis des Begriffs GLEICHWÜRDIG, so wie er auch auf FreeFamily.rocks verwendet wird, ist begründet in den Worten von Jesper Juul in „Was Familien trägt“, (Kösel-Verlag, 2006, S. 24)

„Erwachsene und Kinder begegnen sich „gleichwürdig“, sofern ihr Verhältnis als ein Verhältnis zwischen Subjekten gestaltet wird. Die intersubjektive Auffassung der pädagogischen Beziehung verwahrt sich so ebenso gegen eine autoritäre wie eine laisser-faire Haltung, bei der entweder das Kind oder der Erwachsene zum Objekt erniedrigt wird: „Gleichwürdig bedeutet nach meinem Verständnis sowohl »von gleichem Wert« (als Mensch) als auch »mit demselben Respekt« gegenüber der persönlichen Würde und Integrität des Partners. In einer gleichwürdigen Beziehung werden Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse beider Partner gleichermaßen ernst genommen und nicht mit dem Hinweis auf Geschlecht, Alter oder Behinderung abgetan oder ignoriert. Gleichwürdigkeit wird damit dem fundamentalen Bedürfnis aller Menschen gerecht, gesehen, gehört und als Individuum ernst genommen zu werden.“

Und:

Jesper Juul: „Dein kompetentes Kind“, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch Verlag), 2016, S. 24)

„Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv, weil sie die Kinder für ihre Nächsten zu Objekten macht“

Disclaimer:
Ich distanziere mich hier ganz deutlich von der Antiautorität.
Es geht mir um einen respektvollen, gleichwürdigen Umgang innerhalb der Familie. Auf Augenhöhe auch mit den Kindern, wie es Alfie Kohn in „Liebe und Eigenständigkeit“ beschreibt. Frei von Machtmissbrauch und Manipulation, aber voller Verantwortung und liebevoller Führung – BO!