Bedürfnisorientiert, Bindungsorientiert, Familie, FRAGEN-Baby/Kleinkind, FRAGEN-Schulkind/Teenie
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Nein, Medien sind nicht gefährlich! ABER…

Mich haben doch einige Fragen bezüglich meines Postings zum Thema Medien „vs.“ Freispiel in der Natur erreicht, weshalb ich das hier gern noch einmal etwas weiter ausführen möchte.

Vorweg würde ich gern anführen, dass zu sehr intensivem Medienkonsum für mich übrigens auch bspw. exzessives BÜCHER lesen dazu gehört- Medien sind Medien! Ich finde es stets interessant, dass wir über die Gefahr der Medien fachsimpeln und das „heilige“ Buch gerne ausnehmen. Warum eigentlich? Medien sind zunächst einmal Kommunikationsmittel und somit doch erstmal etwas großartiges, nicht wahr? Dann gibt es natürlich die „neuen“ Medien, und klar vor neuem hat der Mensch schon von je her gern immer zu allererst mal Angst, oftmals ausgedrückt durch Abneigung. Es lohnt sich, zu schauen, ob es daher mehr um das „neue“ oder wirklich das „Medium“ an sich geht. Mir geht es übrigens tatsächlich meist weder um das eine noch das andere, sondern vor allem um die Art, wie sich ein Medium dem Kind darstellt. Neu finde ich persönlich nämlich, genau wie Medien, grundsätzlich und ziemlich gut!

Zum Ursprungsthema: Ich gebe viel auf Freispiel in der Natur und halte dennoch gar nichts davon, Kinder die dem partout nix abgewinnen können, dazu zu zwingen, gegen ihren Willen auf Bäume zu klettern und durch Pfützen zu springen. Ich würde aber auch ihnen immer und immer wieder die Chance geben wollen, auf den Geschmack zu kommen, anstatt das erste „Nee, keine Lust!“ wortlos hinzunehmen. Nicht weil ich das Kind nicht ernst nehmen oder respektieren würde, sondern weil ich weiß, wie schnell sich Dinge ändern, und vor allem, wie wenig (geäusserte) Vorlieben oft mit der Person, sondern viel mehr mit einer Situation oder auch gemachten bzw. nicht gemachten(!) Erfahrungen zu tun haben.
Wenn ein Kind sich nun wirklich nicht aufraffen mag, dann ist das so! Für den Moment. Daraus dann aber ein generelles „Mein Kind geht nicht gern raus“ zu machen, und es, wenn auch lieb gemeint, „in Ruhe zu lassen“, finde ich schade. Wie oft höre ich von meinem Großen „Danke, dass Du mich überredet hast, es war sooooo schön!“ Wie kompetent mein 5 Jähriger bereits ab und an schlussfolgert: „Ich will viel lieber noch „Dinozug“ zu Ende schauen, aber ich weiß eh, dass ich nachher traurig bin, wenn ich nicht mit war- „Buddy“ rennt mir ja nicht davon, die Sonne schon!“ Das kann er sagen, weil er es erleben durfte. Motiviert wurde, zu erleben. Wäre sein diesbezügliches Erleben anders ausgefallen, hätte er keinen tiefen Mehrwert erlebt, dann gäbe es für ihn allerdings keinen Grund den Wald dem Fernseher in dem Fall vorzuziehen. Und wisst Ihr was? Das wäre dann vollkommen ok. Für manche Entscheidungen braucht es aber unbedingt VORAB Erfahrungen, um sie wirklich selbstdienlich treffen zu können.

Meinem Kind gewisse Erfahrungen zu ermöglichen, sehe ich als eine meiner Aufgaben. Nicht weil ich etwas vorgeben möchte, sondern damit es selbst schliesslich nachhaltig entscheiden kann. So sehe ich solch co-regulatorischen kleinen Einschnitte in die Autonomie meiner Kinder, als erfahrungsgemäss einen sehr wertvollen „Tauschhandel“ für diese, um dann anschliessend selbst WIRKLICH autonom und nicht nur rein lustgesteuert handeln zu können. Wie soll ein Kind die Erfahrung machen, wie es ist, sich zu überwinden und dann doch einen ganz großartigen Tag (oder eben auch nicht) zu verbringen, wenn es gar nicht dazu kommt. Weil es sich selbst im Weg steht und niemanden hat, dessen Begeisterung es mitreißt? Nur lauter Erwachsene, die es gar nicht erst versuchen, vor lauter Ehrfurcht vor der kindlichen Selbstbestimmung. Das ist übrigens ein entscheidender Unterschied zum „jemanden zwingen“- „jemanden begeistern“! Wenn es dann dennoch die gegensätzliche Erfahrung machen sollte, dass es ihm wirklich nichts gibt, na dann ist es doch wunderbar- Menschen sind verschieden! Es kommt hier bei uns auch durchaus vor, dass ein Kind (oder Erwachsener) sagt, „Ich weiß schon, dass es Spaß machen würde, aber ich bin echt zu faul grad, und das ist es mir jetzt nicht wert!“ Und DAS ist dann ein Argument. Eine wirklich getroffene Wahl, die ich nur habe, wenn ich die Folgen beider möglichen Entscheidungen kenne, oder zumindest erahnen kann. Dies ist natürlich keine Voraussetzung für ein Entscheidungsrecht. Ansonsten könnte ein Kind wohl niemals etwas festlegen, einfach weil es ja vieles noch nicht umfassend begreift. In manchen Bereichen, wenn wir denn schon von „freie Wahl lassen“ sprechen, aber doch wichtig, zu berücksichtigen.

In diesen „Überredungs“-Fällen, so bin ich sicher, überwiegt das körperliche Wohlgefühl und die daraus resultierende emotionale Zufriedenheit (oder eben auch die gemachte, nicht zufriedenstellende Erfahrung!) hinterher bei weitem die in der Situation zugegebenermaßen nicht vollends zugestandene Selbstbestimmung. Vorausgesetzt allerdings, dass das Kind grundsätzlich autonom und eigenständig in der Familie leben und sein darf. Ist das gegeben, und das Kind begreift sich selbst als wertvolles, wichtiges und selbstwirksames Mitglied in der Familie, wird es keinerlei Nachteil haben, wenn es hin und wieder zum rausgehen bspw. animiert wird. Sehr oft geht es im Leben mit unseren Kindern doch genau darum, abzuwägen, was gerade mehr wiegt. Seelisches oder physisches Wohl. Im Optimalfall natürlich beides, aber in der Realität geht nun mal manchmal ein Stückchen Selbstwirksamkeit für den vermeidbaren Durchfall (durch das Verbot des 4. glutenhaltigen Brötchens…) oder auch durchaus mal geputzte Zähne für die kindliche Integrität drauf. Stets nur ein Stückchen, keines zählt mehr als das andere und es sollte beides grundsätzlich im Lot sein. Für das Kind, nicht für uns! Ist es die elterliche Wunschvorstellung, dass die eigenen Kinder mit hochroten Köpfen im Wald herumtoben, und Computer grundsätzlich den Eltern ein Dorn im Auge, wäre es schon sehr vermessen und übergriffig, das Verhalten der Kinder diesen Wunschvorstellungen zu unterwerfen, wie ich finde. Geht es mir aber aufrichtig und für meine Überzeugung (geprüftes Wissen) nachweisbar um das Wohlergehen meines Nachwuchs, dann ist Co-Regulation sehr oft mein Mittel der Wahl. Denn für mich ist diese tatsächlich ein Synonym für Unterstützung und Hilfestellung. Ja, ich unterstütze und helfe meinen Kindern gern!

Bei der Diskussion ist zudem nicht zu vergessen, dass die bequeme Alternative, wie bspw. auf dem Sofa am Tablet zu spielen, keine natürliche Gegebenheit ist, weshalb es unsinnig ist, unserem Kind die „natürliche“ Fähigkeit zuzusprechen, damit zu seinem besten umgehen zu können. Ja, unsere Kinder wüssten ganz genau, was gut für sie wäre, wenn sie nicht ständig von allen Seiten abgelenkt und von ihren eigenen (eigentlichen!) Bedürfnissen entfernt würden. Für mich fühlt sich dieses oftmals Überangebot, von zwar auch spannenden, aber vor allem bequemen Alternativbeschäftigungen, eher wie ein Steine in den Weg legen an. Das geht uns Erwachsenen doch nicht anders. Wir fahren lieber Auto, statt zu laufen. Wir essen lieber die Fertigpizza, statt ewig zu kochen usw. Wir tun das lieber, ohne es wirklich lieber zu WOLLEN. Weil wir die einfache, bequeme Möglichkeit haben. Weil die Karre vor der Tür steht und die Pizza im Eisfach liegt. Und dennoch täte der Fußmarsch uns meist besser, und die vollwertige Mahlzeit wäre gesünder. Manch einer trickst sich selbst aus, indem er gar nicht erst Pizza kauft, oder indem er einen Freund bittet ihn zum wöchentlichen Joggen abzuholen. Das nicht unbedingt nur, weil er gehört hätte „Joggen sei gesund“, sondern nachhaltig dadurch begründet, dass er sich jedesmal erfahrungsgemäß gut fühlt, wenn er es doch endlich geschafft hat. Diese Erfahrung ist besonders hilfreich im Selbstüberwindungsprozess- die nachfühlbare, bereits selbst erlebte „Belohnung“, welche so zur intrinsischen Motivation wird. Umgeben von Verlockungen, wahrhaft gut zu sich zu sein, sich selbst zu spüren und zu seinem eigenen besten zu entscheiden, erfordert manchmal dermaßen viel Disziplin und Selbstkenntnis, dass ich es als überzogen und ungerecht empfinde, einem Kind eben dies abzuverlangen. Einem kleinen Menschen, welcher noch gar nicht all die Erfahrungen hat machen dürfen, wie sich gewisse Dinge auf sein Befinden auswirken. Somit weder Für noch Wider kennt, für welche er sich aber dennoch unweigerlich mit entscheidet, wenn er denn (komplett allein) entscheidet. Dinge (unbewusst) ablehnt, die ihm nicht vergönnt waren überhaupt kennen (und lieben?) zu lernen. Ihm also nicht gestattet wird, nachhaltig und bewusst zu entscheiden. Es geht dabei nicht darum, dem Kind die elterlichen Erfahrungen aufzuzwingen, also ihm beizubringen „Draussen spielen sei super“ o.ä., sondern darum, dem Kind Raum für Erfahrungen zu schaffen, der es ihm ermöglicht, die Dinge anhand eigener Erfahrungen selbst zu bewerten. Das unbedingt oftmals und immer wieder auf’s neue, anstatt zuzulassen, dass sich das Kind selbst einen dauerhaften „Mag ich-Mag ich nicht-Stempel“ aufdrückt. Geschmäcker und Fähigkeiten, und somit Vorlieben, ändern sich nämlich. Allerdings braucht es dazu ein reichhaltiges Angebot und Ermutigung zum einfach mal ausprobieren und dranbleiben. Wo ist der Joggingkumpel unseres Kindes, der samstags um 9:00 klingelt? Sollten nicht wir dieser Kumpel sein? Ihm manchmal trickreich zur Seite stehen, ohne es dabei auszutricksen! Bis es die Kniffe selber beherrscht? Von uns hat lernen können? Sollten wir nicht einfach hilfreiche Unterstützung sein? Ablenkungen fernhalten, wenn es zu viel wird? Wie soll denn unser Kind hier wirklich selbstbestimmt wählen? Zwischen was genau wählt es da eigentlich überhaupt? Auch Kinder wählen, wenn sie es eben so angeboten bekommen, gern die bequeme, nicht unbedingt gesündeste Variante. Das ist nicht inkompetent sondern menschlich. Da ist die Frage, wieviel Verantwortung wir Eltern hinsichtlich der Erstellung des Angebots übernehmen. Ich sehe elterliche Verantwortung unbedingt gerade hier, in der Aufbereitung des Angebots. Diese Aufgabe an Netflix, ein vollgestopftes Kinderzimmer oder auch ein iPad, randvoll mit lustigen Spielen abzutreten, fühlt sich für mich nicht richtig an. So ist es aber- all diese Dinge drängen sich dem Kind auf, und es soll nun in der Lage sein, weise zu entscheiden. Für sich selbst, während es in dem Moment genau von sich selbst abgelenkt und getrennt wird. Durch all diese Einflüsse und Optionen, die WIR im zuschieben. Klassischer Fall von Überforderung für so manches Kind. Da zumindest mal drüber nachzudenken ist sicherlich nicht verkehrt, statt aus der vermeintlich kindesseitig getroffenen freien (…) Entscheidung eine Neigung abzuleiten. „Mein Kind spielt halt lieber am Computer, statt draussen“. Eventuell war der Rechner aber auch lediglich lauter, als die innere Stimme des Kindes, die es so nicht mehr genau wahrnehmen konnte? Da finde ich es wichtig, ganz genau hinzusehen. Nicht weil Medien schlecht sind, sondern um klar zu definieren, wo hier die eigene Verantwortung als Eltern liegt.

Gerade, wenn wir immer vorgeben, unsere Kinder nicht manipulieren zu wollen, warum gestatten wir es so vielen und vielem anderen? Warum darf der Programmchef von YouTube Kids meine Kinder manipulieren? Warum darf die Verpackungsindustrie von Kindernahrungsmitteln die Entscheidungen meiner Kinder beeinflussen? Warum dürfen geschickt ausgeklügelte Melodien und Farben in Kinderserien mein Kind zum Marathonglotzen anhalten? Es ist ja nun nicht so, als wenn da ein kinderfreundlicher Onkel säße und sich nette Geschichten für Kinder ausdächte, nur um ihnen Mehrwert zu verschaffen oder ihnen sonst wie gutes zu tun. Glaubt das wirklich jemand? Nicht das Medium ist gefährlich, aber die Absicht der Industrie dahinter ziemlich ausgeklügelt, wenn nicht sogar, besonders was kindliche Kunden angeht, absolut hinterhältig. All diese Einflüsse, die ganz sicher nicht das Wohl unserer Kinder als Motivation treibt. Penibel wird heutzutage im Sinne von „Beziehung statt Erziehung“ darauf geachtet, sich selbst und seine immerhin gut gemeinten Absichten zu drosseln, während man das geliebte Kind ganz anderen, bekanntlich massiv manipulierenden Strategien aussetzt. „Och, das schafft das Kind schon, wenn ich es nur genug lieb habe!“ „Sucht entsteht nicht durch das Mittel sondern durch Mangel!“ Bitte? Ich denke, Überforderung in Kombination mit unterlassener Hilfestellung kann durchaus suchtfördernd wirken.

Das fehlt mir in der Diskussion. Wir reden immer davon, dass sich die Kinder natürlich entwickeln sollen und alles mögliche von Natur aus schon richtig machen würden. Wie dienlich ist es nur, ihrem Alltag so unfassbar viel Natur zu entziehen und dennoch weiterhin auf ihre naturgegebenen Kompetenzen zu bauen? Besser gefragt, wie fair ist das? Wie verantwortungsbewusst? Das sind die Fragen, die ich mir stelle. Diese ewige Diskussion über die Schädlich- bzw. Unschädlichkeit der Medien geht mir nämlich mittlerweile sowas von auf den Keks, das glaubt Ihr nicht. Am Ende ist das doch alles wieder nur ein Abwälzen von Verantwortlichkeit. „Ah, XY sagt, Medien seien harmlos, top- muss ich nichts tun und kann mein Kind machen lassen.“ Und umgekehrt. Aber geht es echt darum? Mir nicht! Vor allem, weil es dazu keine allgemeingültige Aussage gibt noch geben wird- es ist Meinungssache, stark geprägt von persönlichen Assoziationen. Such Dir aus, was Dir gefällt, aber übernimm in jedem Fall Verantwortung, denn die liegt immer bei den Eltern und niemals woanders. Schon gar nicht bei irgendwelchen elektronischen Geräten, das sind nämlich erstmal nur tote, harmlose Gegenstände. Was daraus gemacht wird, liegt in unserer Hand. Deshalb sollten wir darüber entscheiden, wann und wie, welche Medien unseren Kindern begegnen dürfen. Ich schreibe nicht meinem Kind vor, wieviel es konsumieren darf, sondern ich schreibe den Medien und somit der Industrie dahinter vor, wieviel sie von meinem Kind erhalten. Wozu? Damit diese Begegnung fair bleibt, und das Medium eben nicht in die Verlegenheit kommt, als verlängerter Arm der Industrie dahinter, die kindliche Unerfahrenheit zu missbrauchen. Für massiven Konsum z.B., denn das ist die alleinige Absicht hinter allzu vielen Medien. Hier insoweit zu filtern, als dass dem Kind wirklich ein medialer Mehrwert, der absolut vorhanden ist(!), entsteht, darauf liegt mein Hauptaugenmerk bei dem Thema.

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  1. Im großen und ganzen stimme ich Dir zu. Eigentlich sogar voll. Aber wenn ich Dich richtig verstehe, dürfen deine Kinder schon trotzdem hin und wieder vor z.B. den Fernseher, oder? Und da tu ich mir manchmsl schwer: ab wann ists zuviel? Wenn meine 3J 8M Tochter heute von 14 wachen Stunden, die wir sie auch selbst betreuen, 2h vor der Glotze/PC saß und Sendung mit dem Elefanten, Sendung mit der Maus und Peppa Wutz gesehen hat finde ich das für mich 2h ok da sie ja von den 12 anderen sich größtenteils aktiv, kreativ ( kneten, Schlitten fahren, Hund ärgern, Schaukeln, Klettern, auf dem Tisch sitzend essen, im Bett Trampolin springen und imaginäre Ostereier verstecken…) beschäftigt hat. Meistens find ich das ok. Manchmal denkbich mir aber auch, dass ich mir das nur schön rede…. 2h täglich sind schon echt viel…. Kannst Du ein zuviel an Medien in Zahlen ausdrücken? Oder findest du anstatt eines „zuviel an Medien“ ein „genug draußen“ besser…. ?

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