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Kinder haben kein „Recht“ auf Selbstregulation!

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich in meiner Familie mit dem Thema Medienkonsum umgehe.
Vor allem natürlich in Hinblick darauf, dass ich ja voller Überzeugung sage, dass Kinder, wie alle Menschen, ein Recht auf Selbstbestimmung haben.
Da scheint es für Einige unstimmig zu sein, im genannten Fall den Konsum einzuschränken.
Warum ich das nicht so sehe, und warum „Einschränken“ für mich nicht bedeutet als Mama den „Ausknopf“ zu drücken, versuche ich hier zu erklären.
Ich bemühe mich es kurz aber nachvollziehbar zu halten, da es ansonsten den Rahmen sprengen würde, und ich damit problemlos ein ganzes Buch füllen könnte…

Im Namen der Selbstbestimmung wird diese immer wieder gleichgesetzt mit Selbstregulierung- das halte ich persönlich für bedenklich. Es sind ganz klar zwei verschiedene Worte, die absolut Unterschiedliches meinen. Diese miteinander zu verwechseln kann meines Erachtens zu einem verantwortungslosen Umgang in verschiedenen Bereichen mit unseren Kindern führen.

Ja, ich stimme zu- jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmung.

Das gilt selbstverständlich somit auch für Kinder.
Warum?
Weil Kinder Menschen sind!
Punkt.

Kinder haben kein Recht auf Selbstregulation.

Warum?

Weil Selbstregulation kein Recht ist!

Selbstregulation ist vielmehr eine Fähigkeit, die erst ausgebildet werden muss!
Kurz und knapp definiert ist Selbstregulation bestimmend für den Umgang mit Gefühlsimpulsen wie beispielsweise Frust, Stress, Wut, Angst oder auch Aufregung. Auch beeinflußt sie die soziale Interaktion, gerade in Verbindung mit anspruchsvollen Herausforderungen, die an das Kind gestellt werden. Sich eigenständig „runterholen können“. Auch in emotional schwierigen Situationen die Kompetenz zu besitzen, ausgeglichen zu agieren. Sich schlichtweg glücklich zu fühlen, weitestgehend unabhängig von Stress und sonstigen Reizen, die uns immer wieder herausfordern.
Eine wichtige Voraussetzung für wirklich selbstbestimmtes Handeln!
Im Laufe seiner Entwicklung erlernt unser Kind all das mit unserer Hilfe, durch die Beziehung mit uns. Es wird, wenn es durch die starke und enge Bindung mit uns, sicher im Umgang mit all den teilweise überwältigenden Gefühlen ist, die Stärke seiner Selbstregulationsfähigkeit stetig mehr und mehr ausbauen.
Kleine Kinder bis durchschnittlich 4 Jahre sind dazu allein schon aus (tataaa, da is‘ es schon wieder dieses schöne Wort ;-)…) entwicklungspsychologischer Sicht nicht (vollständig) in der Lage; sie müssen den Umgang mit all den involvierten, auch eben manchmal zunächst unangenehmen Gefühlen Stück für Stück lernen um ihre Bedürfnisse und Gefühle eigenmächtig zu regulieren. Sie brauchen den engen Kontakt, die Beziehung zu den Eltern. Ganz besonders in der ersten 3 Lebensjahren. Meiner Erfahrung nach in manchen Bereichen oft auch durchaus darüber hinaus.

Grundvorraussetzungen sind zudem auch eine gute Körperwahrnehmung und eine daraus entstehende Entscheidungskompetenz für sich selbst.

Ein Kind kann beispielsweise durchaus in der Lage sein, sich in einigen Bereichen bereits wunderbar eigenständig zu regulieren, muss aber daraus folgernd nicht unbedingt ebenso gut fähig sein, in anderen „schwierigeren“ Situationen, beispielsweise unter Aufregung und dem Einfluss von Aussen (hier konkret der Fernseher) ebenso kompetent für sich handeln, entscheiden zu können.

Einem jungen Kind unter Stress (beim Anschauen eines spannenden, aufregenden Films) gelingt es oft nicht ohne weiteres parallel zu diesen Emotionen auch zeitgleich seinen Körper bewusst wahrzunehmen.
Dies ist aber nötig, um aus einer daraus zu seinem Wohl getroffenen Entscheidung, zur Selbstregulierung zu gelangen.

Somit hat jedes Kind, besonders bezüglich der Thematik des Medienkonsums meiner Meinung nach, ein Recht auf Co-Regulation durch seine Eltern- und zwar so lange, wie es die Fähigkeit dies selbständig zu tun, eben noch nicht (ausreichend) ausgebildet hat. Ein Maßstab das zu beurteilen ist nicht, ob das Kind sich für das Maß entscheidet, dass auch mir persönlich gefällt. Es geht vielmehr um das Maß, mit dem sich das Kind gut fühlen kann. Da sollten wir ehrlich sein und unserem Kind manchmal vielleicht mehr zutrauen, als wir es tun. Aus verständlicher Sorge zwar, aber auch die kann dennoch hinderlich für seine Entwicklung sein. Besonders wenn es darum geht sich selbst zu spüren.
Es geht für das Kind weniger darum die „Zeit in Minuten“ vor dem Fernseher zu bestimmen, als darum, mit all den Einflüssen und Anforderungen, die das Medium an es stellt so umzugehen, dass es dem Kind nicht schadet. Und ja- letztendlich eben aus diesem Gespür dafür, das Gerät auszuschalten- sich ihm quasi rechtzeitig zu entziehen.

Wer selbstbestimmten mit selbstreguliertem Medienkonsum verwechselt, der beraubt das Kind um eben dieses Recht, auf die ihm zustehende, notwendige Begleitung durch seine Bezugspersonen.

Gefühle der Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit aber sind in jedem Fall Begleiter der Selbstregulation.

Deswegen Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit unbedingt ja- uneingeschränkt.

Selbstregulation aber muss erlernt werden- und zwar nicht selbstbestimmt sondern ist unterstützende Aufgabe der Eltern. Ganz klare Beziehungsarbeit!

Hier ist Co-Regulation in keinem Fall zu verwechseln mit Fremdbestimmung.

Co-Regulation heißt für mich nicht, als Erwachsener anstelle des Kindes den Fernseher einfach auszuschalten!
Sie bedeutet mir Begleitung, bedeutet Hilfe, bedeutet Unterstützung, bedeutet Kommunikation- schlicht echte Beziehung.

Dem Kind das Tablet zu entreißen ist Fremdbestimmung. Das ist Zwang. Es wird dem Kind von außen aufgedrängt. Diese ist nicht hilfreich zur Entwicklung seiner Kompetenz hinsichtlich der Regulationsfähigkeit- ich würde sogar wagen, eher das Gegenteil behaupten.

Meinem Kind Dinge zur alleinigen Entscheidung zu überlassen, für die zu treffen es Kompetenzen benötigt, welche (noch) nicht erlernt wurden, führt dieses Kind nicht in ein freies und selbstbestimmtes Leben, sondern überfordert es schlichtweg und lässt es mit sich allein.
Im oben genannten Beispiel unterstützt solch ein Verhalten der Eltern für mich im Grunde vielmehr sogar das Ignorieren des eigenen Körpers auf Kindesseite.
Körperwahrnehmung wiederum ist jedoch, wie bereits erwähnt, eine Grundvorraussetzung zur wirklichen Selbstregulation- ein Teufelskreis in meinen Augen.

Ein wichtiger Punkt bezüglich einer guten Körperwahrnehmung ist natürlich das verlässliche Eingehen auf die Bedürfnisse unserer Kinder. Sie kann aber meiner Erfahrung nach zudem beispielsweise wunderbar mit regelmässiger Meditation und Massagen verstärkt werden.
Wenn das für Euch spannend ist, lasst es mich wissen, dann schreibe ich da gerne nochmal separat etwas zu.

Den eigenen Körper zu spüren, und das unbedingt von kleinauf, wird für mein Empfinden ohnehin viel zu stiefmütterlich behandelt, dabei ist das so wahnsinnig essentiell; nicht nur für Kinder sondern auch für uns Erwachsene.

Das schreit nach einem eigenen Artikel, oder?

O*

3 Kommentare

  1. Meli sagt

    Super. Danke. Du fasst meine Gedanken in Worte!
    Und: JA unbedingt was schreiben zum Thema Meditation mit Kindern!

  2. Mimi sagt

    Super mega spannend. Es öffnet mir auch als kinderlose Erwachsene die Augen. Ich möchte nicht die Fehler meiner Eltern machen, und würde sehr gerne mehr zu zum Thema Kinder lernen Körper spüren von dir lesen 🙂

  3. Pingback: Medienkonsum bei Kindern | Free Family Rocks

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