Bedürfnisorientiert, Eltern, Familie, Gleichwürdig, Kinder, Unerzogen
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Ist das „Unerzogen“, was Du da machst? Und wie geht das genau?

Keine Hand frei? Kein Bock zu lesen?
Easy- Ich lese Dir gern vor!



Eine der Fragen, die mir im Moment immer wieder gestellt werden ist: „Sach ma, Olivia- ist das, was Du da erzählst das Gleiche wie „Unerzogen“? Und wenn ja, was genau ist das eigentlich und wie macht man das ganz konkret?“

Eines vorweg- ich selber mag das Wort „Unerzogen“ persönlich zwar gern, drückt es nämlich klar aus, worum es im Grunde geht. Den Verzicht auf Erziehung (aufgrund der Annahme, das diese grundsätzlich übergriffig und unfair ist). Dass der Begriff aber auch sehr polarisierend in seiner Wirkung auf so Viele ist, würde ich gar nicht erst versuchen zu bestreiten…

Was es zudem leider nicht ausdrückt ist, was denn anstelle der Erziehung tritt?

Ach, klar- BEziehung…! Klingt ironisch? Absichtlich, denn ich sage es zwar auch gern selber genau so, nur was bedeutet das überhaupt?

Es ist ja faktisch nicht so, dass alle klassisch „erziehenden“ Eltern keine Beziehung zu ihren Kindern haben. Es wird ihnen zwar leider des öfteren genau so allzu schnell, in den üblichen „Unerzogen versus Erziehung“-Geplänkeln unterstellt, ich halte diese Behauptung allerdings für äußerst anmaßend. Es gibt nun mal unzählige Arten von Beziehungen. Diese zu kategorisieren in besser oder schlechter scheint mir absolut unnötig und beinahe irgendwie frech. Denn Beziehungen entstehen aus ganz persönlichen Überzeugungen, Ansichten heraus. Menschenbildern, die wir haben. So wie ich den Menschen betrachte, so begegne ich ihm. So wie ich mein Kind betrachte, so begegne ich auch diesem.

Und DAS ist für mich der wichtige Punkt- WIE sehe ich den Menschen. Und warum ist es eigentlich nötig zusätzlich zu fragen, wie ich mein Kind sehe?

Wenn ich davon ausgehe, dass alle Menschen ein naturgegebenes Recht auf Gleichberechtigung haben, gleich sind, wie es ja sogar im Grundgesetz verankert ist, dann erschliesst es sich mir nicht, dass bei Kindern eine Ausnahme gemacht wird.

Es sei denn man will allen Ernstes behaupten Kinder seien keine Menschen. Denn das geschieht ja im Grunde, wenn ich, trotz meiner Übereinstimmung mit der Annahme der Gleichberechtigung aller Menschen, meine Kinder nicht entsprechend behandle.

Die Art der Elternschaft, die ich beschreibe ist im Gegensatz zu anderen („Erziehungs“-) Methoden eben genau das nicht- es handelt sich nicht um eine Methode. Somit kann es kein Konzept geben, keine Handlungsanweisungen, kein „So macht man das!“. Das macht es allerdings nicht schwammig, wie gern behauptet wird, sondern zunächst erst einmal nur komplex statt einfach!

Ein gleichwürdiger Umgang mit meinem Kind und Menschen allgemein, ergibt sich aus einer wertschätzenden Grundeinstellung dem Menschen gegenüber und der Annahme, dass alle Menschen, egal ob groß oder klein, bestimmte Rechte haben. Ganz besonders eben in unserem konkreten Fall das Recht auf Gleichwürdigkeit. Gleichberechtigung.

Jede Beziehung, auch die Beziehung zu unseren Kindern, beginnt bei mir selbst. Wenn ich mich also auf den Weg machen möchte, in ein wirklich gleichwürdiges Familienleben, in gegenseitigem Respekt voreinander- ganz unabhängig vom Alter, sondern einfach, weil ich finde, dass Menschenrechte und Menschenwürde nicht an eine Zahl gekoppelt sein dürfen, dann muss ich unbedingt bei mir selbst beginnen.
Das hier ist nicht der einfache Weg, sondern extrem viel Arbeit, vor allem an uns selbst. Hinschauen dort wo es weh tut, anstatt all meine anerzogenen Glaubenssätze eisern zu verteidigen. Mich zu verteidigen. Natürlich ist es bequemer Dinge, die mir nicht gefallen, unangenehm sind als Unsinn abzutun. Und hey- wenn ich nun mal einfach keinen Bock habe, all diese Sachen und besonders auch mich selber immer wieder auf’s neue ehrlich zu durchleuchten, in Frage zu stellen, dann ist das vollkommen legitim. Nur- ganz wichtig- dann ist ein Leben ohne Erziehung ganz klar nichts für mich! Ohne diesen ehrlichen, oft wahnsinnig unbequemen Blick auf mich selbst, kann es mir nicht gelingen all die alten Muster und anerzogenen Überzeugungen zu hinterfragen und gegebenenfalls abzulegen. Ohne zu hinterfragen kann ich nicht wirklich bewusst handeln. Und das ist es ja aber, worum es bei dem Ganzen hier geht. Sich sein Tun bewusst zu machen.

Auf Erziehung zu verzichten ist ein höchst moralisches, durch und durch ideologisches Thema, dem eine bestimmte Weltanschauung, wie bereits gesagt eine ganz bestimmte Sicht auf den Menschen, das Kind an sich zugrunde liegt. Es ist schlichtweg nicht möglich ein „bisschen“ gleichwürdig zu leben. Ich kann nicht für „ein „bisschen Freiheit“, ein „bisschen Gleichberechtigung“ sein. „Fast“ frei ist unfrei und „beinahe gleichberichtigt“ ist Diskriminierung! Ich begegne meinem Kind auf Augenhöhe, weil ich davon überzeugt bin, dass wir Beide von Natur aus gleichberechtigt sind. Wir sind Beide vollwertige Menschen! Da das Kind natürlich aufgrund seines Alters und damit verbunden seiner körperlichen und geistigen Reife noch schutzbedürftig ist, kann das nicht bedeuten, dass wir ebenso die gleichen Pflichten zu erfüllen haben- das merke ich lediglich an, weil diese, für mich zwar merkwürdige Schlussfolgerung, gerne an genau dieser Stelle angeführt wird.

Diese Überzeugung führt, wirklich konsequent zu ende gedacht, zu einer sehr klaren Haltung, einer Lebenseinstellung. ALLES, was ich aus eben dieser Einstellung, sofern ich wirklich klar in ihr bin, tue entspricht ihr.

Darum geht es mir! Sich selbst und sein Handeln aufrichtig zu betrachten, und den Alltag in Harmonie mit den individuellen Bedürfnissen aller Familienmitglieder (auch den eigenen Bedürfnissen übrigens!) und seinen persönlichen Moralvorstellungen zu gestalten.

Und genau deshalb KANN ich Euch keine expliziten praktischen Handlungsanweisungen geben, WIE ihr Eure Beziehungen zueinander, zu Euren Kinder leben sollt.

Es kommt aus Euch selber, aus Eurer persönlichen Überzeugung heraus. Und es steht auch niemandem zu, zu beurteilen, ob das nun „Unerzogen“ ist oder eventuell vieleicht nicht. Ob es richtig ist oder nicht. Denn in Dir drinnen bist nur Du- kein Anderer.

ABER: Natürlich können wir einander über die Schulter schauen, uns inspirieren lassen. Schauen, wie es andere machen kann durchaus hilfreich sein. Immer im Hinterkopf, dass es nie nur eine Möglichkeit gibt einander in Liebe und Gleichwürdigkeit zu begegnen.
Immer aber geschieht dies weit ab von Machtausübung und Autorität in jeglichen Formen.

Ich habe mich aus beinahe allen Gruppen zur Thematik komplett zurückgezogen, einfach weil ich dieses „Du, ich fürchte da stimmt was nicht mit Deiner Haltung!“ oder auch das fast schon wie Gefloskel wirkende „Unerzogen beginnt von Innen nach Aussen“ und „Unerzogen ist eine Haltung“ nicht mehr hören konnte und wollte. Denn das Einzige, was mit mir dadurch passierte war, dass ich mitgemacht habe. Abgelenkt vom Eigentlichen, geht es da dann nur noch um das Bewerten von Verhalten Anderer. Das wollte ich nicht und das will ich nicht.  Zudem erscheint es mir ohnehin kontrovers zu behaupten ich lebe frei von Erziehung und versuche aber parallel permanent alle Menschen, die nicht meine Ideologie teilen als schlechter abzustempeln: „Du bist halt noch nicht so weit. Lies mal noch ein bisschen und lerne von uns Unerzogenen!“ Ich kann das zwar nachvollziehen, neige ich wie gesagt selber dazu manchmal belehrend zu sein, aber trotzdem ist das überheblich und hat nichts mit einem gleichwürdigem Menschenbild zu tun. Diese Überzeugung der Gleichberechtigung aller Menschen aber liegt „Unerzogen“ nunmal zugrunde.

Was ich allerdings finde ist, dass diese Überzeugung unbedingt aus Wissen und daraus entspringenden Wertvorstellungen resultieren sollte.

Wenn dem so ist erübrigen sich so viele Fragen, die immer wieder in dem Zusammenhang gestellt werden. Sind es doch meistens Fragen nach dem WIE man etwas tun sollte.

Worum es mir nur hier so dringlich geht ist WARUM mache ich etwas statt WAS mache ich!
Wenn das „Warum“ meines Handelns mit meiner, aus Selbstreflexion und Wissen entstandener Überzeugung übereinstimmt, dann wird die „Tat“ unweigerlich authentisch sein.
Genau das wollen und brauchen unsere Kinder- authentische Eltern!

Wer das nun „Unerzogen“ nennen mag, darf das gerne tun. Wenn manch „Unerzogener“ aber meint, dass sei überhaupt nicht unerzogen, dann ist mir das ebenso recht. Ich lebe meine Beziehungen weder nach den Vorgaben anderer, noch will ich mich mit anderen Eltern messen.
Für mich ist es vielmehr die Konsequenz aus MEINER Überzeugung, dass die Gleichberechtigung Aller eine Tatsache ist. Darin möchte ich glaubwürdig sein- einen Hut mit einer Bezeichnung habe ich mir noch nie aufsetzen lassen und habe dies auch künftig nicht vor. Auch nicht den „Unerzogen-Hut“, der aktuell so gerne stolz durch die Gegend spazieren geführt wird, und man oft gar nicht genau erkennen kann, wer genau sich darunter eigentlich wirklich befindet.
Auf meinem stand und steht immer nur Olivia. Darin will ich „gut“ sein. Echt sein. Das ist manchmal schon schwierig genug…

Die ganze Thematik braucht für mich ohnehin nicht unbedingt einen fixen Titel, keinen Namen.
Ich umschreibe es lieber beispielsweise mit „Leben in Gleichwürdigkeit“ oder auch „Authentische Elternschaft“, wobei auch da letzten Endes, wenn man denn will, Vieles hinein und hinaus interpretiert werden kann.

Wenn ich in Gleichwürdigkeit lebe heisst das übrigens nicht unweigerlich, dass ich dass 100%ig immer und ausschliesslich tue. Nein, es gelingt mir nicht immer. Geist und Fleisch sind nunmal nicht Eins. Und ja, ab und zu bin ich ungerecht, motze und missbrauche meine Elternmacht. Leider. Aber ich sehe (meistens…), was ich tue und habe gottseidank Menschen um mich rum, die hinschauen, wenn ich wie so oft Dinge übersehe, einfach weil ich mal wieder zu schnell oder auch unachtsam war- ungemütlich zwar, aber so wichtig- denn der Weg ist das Ziel!
Deswegen sollten wir ganz schnell damit aufhören uns gegenseitig ständig aufgrund unseres Handelns zu beurteilen.

Das ist auf jeden Fall zudem ein sehr persönliches Thema, denn dieses so wichtige Warum kannst nur Du Dir selbst ehrlich beantworten. Dazu aber müssen wir hinsehen. Das, was Du tust sagt zunächst erst einmal gar nichts über Deine Überzeugung aus. Auch nichts darüber, wer Du bist.
Fragen wir Einander doch endlich mal mehr nach dem Warum!
Ey, das kann so spannend sein, und nur das sollte der Grund sein, weshalb wir uns hier auf meiner Seite finden!

Ich freue mich so sehr über jeden Einzelnen, der Bock darauf hat- Danke, dass Ihr dabei seid!

Olivia*

6 Kommentare

  1. Danke Olivia, für diesen Bericht. Ich verstehe dich sehr gut, und habe diese Thematik erst auf meinem Blog aufgegriffen. Ich sehe es wie du, Selbstreflexion <3 Alles Liebe

    • Olivia sagt

      Das ist schön und tut gut, verstanden zu werden <3
      Oh, da schau ich doch unbedingt mal rum und lese ein wenig bei Dir, sobald ich Ruhe habe!
      O*

  2. In dieses Thema arbeite ich mich mehr und mehr rein. So ganz klar und einleuchtend eigentlich und dabei so schwer umzusetzen. Oder vielleicht ist es auch nur der Übergang … das sich-ständig-selbst-ertappen, und dann nicht vor lauter Nabelschau in eine Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit den Kindern gegenüber abzurutschen … sehr spannend alles jedenfalls! Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, den ich gern auf meinem Blog teilen würde.

    • Olivia sagt

      Liebe Juliane,

      Danke für Deinen Kommentar!
      Ja, Du triffst es ganz genau, finde ich- eigentlich alles ganz klar und einleuchtend, wenn wir uns da nur nicht selbst im Wege stehen würden…
      Der Übergang ist tatsächlich eine sehr „arbeitsintensive“ Zeit, aber auch so spannend, was wir dabei über uns selbst so alles lernen können, gell?
      Ich freue mich sehr, wenn Du den Artikel auf Deinem Blog teilst- sehr gern! Wenn Du mich dabei verlinkst wäre es großartig, musst Du aber selbstverständlich nicht!

      Liebe Grüße,

      Olivia*

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