Gut & Böse

Published by Olivia on

Moral ist etwas zutiefst persönliches. Zeitgleich besteht jedoch auch eine, im Verhältnis zu dieser individuellen, höherrangige, gesamtheitliche moralische Vorgabe in der Gesellschaft, die unabdinglich ist, dort wo Menschen in gesellschaftlichen Systemen miteinader leben wollen oder sollen. Auch wenn es innerhalb dieser Gesellschaft natürlich zahlreiche unterschiedliche Gruppierungen gibt, bleibt eine grundliegende gesamtmoralische Übereinstimmung oder zumindest Anerkennung unerlässlich, um ein Funktionieren des jeweiligen Systems zu gewährleisten.
In einer Demokratie entscheiden nicht willkürlich einzelne Gruppen über diese Vorgaben, sondern Gesetze und festgelegte Definitionen. Während es durchaus zulässig ist, dass in darunterliegenden Formierungen von Menschen, andere oder v.a. weitere Regeln gelten, verlieren diese an Legitimität, sobald sie der überstehenden Vorgabe gefährlich werden. Nur so kann eine Staatssform, in unserem Fall eine glücklich gewählte, bestehen und erhalten bleiben.

Dieses generelle Modell lässt sich mir auch auf die “Gesellschaftsform” Social Media übertragen. Auch hier gibt es übergeordnete moralische Vorgaben und Verhaltensrichtlinien. Auch hier kommt es natürlicherweise zu verschiedenen Gruppierungen in Form von “Blasen” innerhalb dieser “Gesellschaft”.
Ich selbst befinde mich in einer Blase mit dem Namen “Eltern und Familie”, welche mittlerweile und immer stärker fortschreitend, Überschneidungen mit den Blasen bspw. “Spiritualität” und “Esotherik” (was nicht miteiander gleichzusetzen ist!) erfährt. Ich selbst bin übrigens selbst in Ansätzen durchaus spirituell, und wenn man zumindest einen kleinen Teil meines Bücherregals inspizieren würde, könnte man durchaus zu dem Schluss kommen, ich wäre immerhin ein bisschen eine, von denen, die Angst vor Bill Gates hat- keine Sorge, ist nicht so!
Was ich damit sagen mag ist, dass ich selbst offen für alternative Ansätze bin, keinesfalls pauschal alles als „Geschwurbel“ von mir weise, was nicht massentauglich ist und auch systemkritisches Denken empfinde ich als definitiv wichtig.

Dennoch erlebe ich den Einfluss von spirituellen und auch esoterischen Inhalten teilweise besonders deutlich, in der Art des Umgangs mit Moral, Richtig und Falsch, Gut und Böse. Wird von spiritueller oder auch esoterischer Seite gerne behauptet, es gäbe keine Notwendigkeit für solch Unterteilung (zu “Spaltung” führende Trennung), da alles eins sei und vor allem sein dürfe, ist es gerade für viele BO- Eltern ein zentrales Thema, sich umfassend mit Werten auseinanderzusetzen, was wiederum unweigerlich ein Bewerten und Einordnen erfordert. Dieser moralische Kompass ist u.a. Grundlage für ein achtsames Familienleben.
Desweiteren ist die Behauptung, alle Menschen wären gleich, schlicht ignorant, da sie Individuen samt zugehöriger Einzelschicksale an den Rand drängt und daraus resultierende Lebensrealitäten komplett verleugnet. Vor allem aber erlebe ich diesen Einfluss als eine Art abtrainieren des natürlichen Dissonanzgefühls, welches den ethisch motiviert handelnden Menschen darin unterstützt, SEIN “richtig” aufrecht zu erhalten, und welches immer genau dann entsteht, wenn sich ein ISTzustand mit unserem oben erwähnten inneren Kompass beisst. Daraus entsteht dem Menschen ein, optimalerweise intrinsisch motivierter, innerer Drang zu handeln und Dinge wieder in den für IHN “passenden” Kontext zu bringen.

Obwohl es auch in der Social Media bspw. die Vorgabe gibt, dass Rassismus und Diskriminierung verboten sind, weil allgemeingültig “falsch”, verwässern diese Werte in den Blasen scheinbar mancherorts unbemerkt. Unter Deckmänteln der Spiritualität und Esoterik z.B. in ein “Alle sind gleich”, “Jede*r und jede Meinung sowie Handeln(!), haben ein Recht auf Verständnis”. Nicht Verständnis als Synonym für Kenntnis von Handlungsmotivation der entsprechenden Person, wie es bspw. im Fall von Pädophilie begründeter sexueller Gewalt an Kindern der Fall ist, wo ein sachliches Verständnis für Beweggründe der Täter, Grundlage für präventiven Opferschutz ist. Bei besagtem Verständnis ist die Rede von Empathie in soweit, als dass aus dem resultierenden Mitgefühl, Verbindung mit dem Menschen hinter dem (egal ob verwerflich oder nicht) Vorgehen möglich werden soll. So würden selbst zutiefst rassistische Aussagen einer Person nebensächlich, und den Weg frei machen für das, worum es den „wachen Geistern“ im Vergleich, zu den „Schlafschafen“ geht- die Leugnung und im selben Schritt Marginalisierung von tatsächlicher Vielfalt, zu Gunsten der angeblich einzig erstrebenswerten „Menschlichen Einheit“. Getragen von der allgegenwärtigen Sehnsucht nach Liebe, Gemeinschaft und dem immer wieder, nur dadurch möglichen, in Aussicht gestellten Frieden.
Ah ja…
Wer aber ernsthaft glaubt, dass Weltfrieden allein dadurch entsteht, dass wir daran glauben, davon reden und Realitäten durch ignorieren verschwinden, unterliegt nach meiner Auffassung einem naiven Trugschluss. Im Grunde schlicht einer Art „Spiritual Bypassing“.

Spiritualität ist hilfreich, weil sie funktioniert! Es ist erwiesen, dass sich spirituelle Praxen gerade in schwierigen Lebenssituatione positiv auswirken. Das hier geht also mitnichten gegen Spiritualität im generellen! Übertreibt (fraglich wo die Grenze hier zu ziehen ist) man es, mag dies jedoch dazu führen, dass wir eher ÜBER den Dingen schweben, was in vielen Fällen suboptimal ist, da es mMn häufig mehr als notwendig ist HINDURCH zu gehen, um sie zu lösen.

Wichtig auch, dass spirituelle Überzeugungen weder gleichzusetzen sind, mit eigenen Gefühlen noch eigenen echten Bedürfnissen. Doch erlebe ich immer mehr Menschen, die genau das miteinander zu verwechseln scheinen. Die ihre eigentlichen, menschlichen, absolut berechtigten Emotionen und Bedürfnisse verleugnen, und stattdessen bspw. esoterische Weisheiten ihr Leben steuern lassen.
So ist es für manche schlicht nicht (mehr) akzeptabel, andere Menschen zu kritisieren. Klar angesprochenes Fehlverhalten wird als “an den Pranger stellen” empfunden, und das Einfordern von Erklärung zu fragwürdigem Verhalten, als anmaßendes Richtertum betitelt. Arroganz und Überheblichkeit scheinen als einzig nachvollziehbare Intentionen dahinter gesehen werden zu können. So wird Menschen das Recht abgesprochen, darauf hinzuweisen, wenn übergeordnete allgemeingültige Regeln nicht beachtet werden, weil Gruppenregeln Vorrang gegeben wird. Besser, weil das beinahe ideologische Verständis von “liebevoller Verbindung und Miteinander mit ALLEN und JEDEM” solch Vorgehen nicht zulässt. Um das passieren zu lassen, müssten die verinnerlichten, eben häufig spirituellen Glaubenssätze losgelassen werden, was unweigerlich bedeuten könnte, von durch eben diese (neuen) Glaubenssätze überdeckten Ursprungsproblematiken und persönlichen Themen, eingeholt zu werden. Nicht selten, mögen diese Schmerzpunkte vielleicht sogar seinerzeitige Gründe für das überhaupt erst Zuwenden der Spiritualität gewesen sein.
Sich davor zu schützen, mag ein, ich nenne es ressourcenschondender Weg sein, den ich jedenfalls bei mir regelmässig beobachte…

Absurd aber, wenn Frau von Frau des Mombashings bezichtigt wird, weil sie einer anderen (zufällig auch) Frau belegbar diskriminierendes Gedankengut vorwirft. Nicht Fun Fact- “Mombashing” ist ein zutiefst misogyner Begriff, bezieht er sich auf die angeblich typisch weibliche Art, insbesonders weiblicher Mütter, des Zerfleischens untereinander.
“Cool moms don’t judge!” hat hier offensichtlich mehr Gewicht, als “Keinen Millimeter nach rechts!”
Da kann und werde ich nicht mitgehen

Wenn Spiritualität, vermeintliche Anstandsregeln, die Angst davor, jemandem zu nahe zu treten oder auch der Wunsch gemocht zu werden, in einzelnen Blasen der Social Media dazu führt, dass faktische ISTzu- oder eben missstände nicht mehr gesehen, relativiert oder gar ignoriert werden, ist das mehr als destruktiv und führt meiner Erfahrung nach unweigerlich in die Diskriminierung, das Ausschliessen all derer, die Teil dieser eben faktischen Realität SIND. Derer, die in der greifbaren statt ausschliesslich geistigen Sphäre leben. Leben müssen.

 

Ich sehe ein großes Problem darin, dass Spiritualität, statt sich auf persönliche, emotionale Ebenen zu beschränken, als “Tool” für die Betrachtung gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge benutzt wird. Dies ist schlicht nicht möglich, weil sowohl Spiritualität als auch Esoterik die Betrachtung essenzieller Bereiche, die aber im genannten Kontext entscheidene Rollen spielen, vollkommen ausklammern. Weiterhin beobachte ich, wie mit dem Fortschreiten der “Spiritualisierung” gerade von Müttern meiner Social Media Blase, teilweise damit einherzugehen scheint, dass viele von ihnen ihr politisches Interesse verlieren. Das wiederum führt unweigerlich zu diesbezüglich unschlüssigen Gedankverläufen, sobald, was nämlich insbesondere in Familienthemen nicht ausschliessbar ist, politische Themen diskutiert werden MÜSSEN. Sprich, es werden politische Diskurse auf Basis emotionaler, rein geistigspiritueller, persönlicher Ebene geführt. Das ist nicht ansatzweise konstruktiv. Auch nicht für das Ziel von, wie dann gerne argumentativ betont wird, Frieden, Vielfalt und “gemeinschaftlicher Illumination”.

 

Es ist und bleibt notwendig für ein friedliches, zivilisiertes Miteinader, gemeinsame übergreifende Werte zu teilen oder wie oben gesagt wenigstens zu akzeptieren und dafür einzustehen. Etwas zugegeben überzogen ausgedrückt, bedeutet nämlich, dass jemand, der nicht in der Lage ist, Gutes von Bösem, oder Richtig und Falsch zu unterscheiden, im Grunde nicht spirituell maximal erleuchtet, sondern vielmehr diagnostizierbar wesentliche Merkmale eines Psychopathen aufweist. Genau das ist nämlich ein Hauptmerkmal dieser Erkrankung. Nein, ich schreibe hier natürlich keiner reellen Person oder gar allgemein spirituell Agierenden eine Psychose zu, empfinde den Gedanken jedoch als “überspitzt” markiert zulässig, um prägnant zu beschreiben, was ich meine.

Ich persönlich erachte dazu tatsächlich die Notwendigkeit “EINES gemeinsamen” Guten für des öfteren gar nicht notwendig, da dies in egal welcher Gruppierung sehr schnell zu festen Vorgaben von dem “einen richtigen Weg” führt, der allerdings häufig die Indivdualität aufgrund von Persönlichkeit aber auch Umständen und Ressourcen einer jeden Person unterschlägt.
Ich halte es da manchmal gern kontruktiv simpel wie Wilhelm Busch (der zugegeben, auch sehr viel Unsinn gesagt hat…) in seiner “Frommen Helene”:

„Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“

Es mag in vielen, nicht allen (!) Kontexten genügen, einander einig zu sein, in dem, was man keinesfalls will, was voraussetzt, festzulegen, was eben gesamtgesellschaftlich als falsch gilt. In einer Demokratie wie Deutschland, ist dies bspw. Die Abwertung von Menschengruppen, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder Fähigkeiten.
Darüber bin ich persönlich und einmal mehr als Deutsche, nicht ansatzweise bereit zu diskutieren.

Toleranz bedeuet nicht, anderen Sichtweisen zuzustimmen. Genauso wie übrigens Meinungfreiheit lediglich erlaubt, seine Meinung mitzuteilen und nicht das Recht einschliesst, dass diese anderen auch gefällt oder gar wertgeschätzt wird. Ich toleriere notgedrungen und zeitgleich dankbar für die Tatsache, dies tun zu müssen, dass Menschen diskriminierende Meinungen haben, denn das steht ihnen nun einmal zu in einer Demokratie. Wenn diese Ansichten jedoch dazu genutzt werden, zu exkludierendem Handeln (sei es nun rassistisch, misogyn oder anders abwertend motiviert), zu animieren oder gar darin münden, schiesst dies nicht nur über das Recht auf freie Meinungsäusserung hinaus, sondern negiert und zerstört den Tatbestand, der unserem Gesetz zugrunde liegenden Gleichwürdigkeit aller Menschen, und wird somit letztlich aufgrund von Demokratiegefährdung absolut inakzeptabel, sprich nicht tollerierbar. Deutliches Aufzeigen und Positionierung solcher Tendenzen, ist weder diffarmierend noch unfair, sondern schlicht Verantwortung eines jeden, dem die Demokratie am Herzen liegt.

Ich schliesse an dieser Stelle mit dem Toleranzparadoxon von Karl Popper:

“Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.”


(PS Gerade die, welche sich um ein vermeintliches Sterben der Demokratie in Deutschland sorgen, sollten daher eigentlich besonders bemüht um die Aufdeckung rechter oder anders diskriminierender Entwicklungen in unserer Gesellschaft, sein.)

Categories: ElternRandom

4 Comments

Ulla · September 28, 2020 at 6:44 pm

Danke, für dein Tun und deine Worte, Gedanken, Texte

    Olivia · September 28, 2020 at 9:03 pm

    Liebe Ulla,
    Vielen Dank Dir, für Deine Wertschätzung- ich freue mich!
    Olivia

Michele · September 29, 2020 at 8:15 am

Hallo liebe Olivia,

Mein vorheriger Kommentar ist leider abhanden gekommen. Ich versuche meine Gedanken nochmal zu rekonstruieren.

Ich habe viele Texte und Meinungen zur aktuellen Thematik auf Instagram und Co gelesen und eigenes Gefühl dazu bekommen können. Nichts desto trotz war ich äußerst neugierig auf deinen Beitrag.

Schlichtweg, weil du es nicht selten schaffst, ähnliches Gedankengut in – wie ich finde – logischer, konstruktiver Weise in Form von Texten zu verarbeiten und der breiten Masse zugänglich zu machen.

Mein Gehirn ist für das Kombinieren aller Ideen und Gedanken, die in meinem Kopf so rum schwirren leider nicht in der Lage. Umso schöner, dass ich durch deine Texte einen guten Anhaltspunkt zur strukturierten Erläuterung habe.

Kurz: Denken und über Gesagtes nachdenken kann und möchte ich natürlich selbst. Mit deiner guten Verpackung (Wortwahl, Struktur und Aufbau) machst du mir – mit meinem etwas chaotischen Kopf – jedoch ein großes Geschenk!

Danke für eine Zeit. Danke für deine Meinungsäußerung. Danke fürs teilen auf vielen Ebenen. Danke für dein Sein.

Aufrichtig, Michele 🙂

    Olivia · September 29, 2020 at 10:04 am

    Liebe Michele,
    Wow- vielen Dank für Deinen Kommentar!
    Ich freu mich total, dass Dir dieser, aber auch generell meine Beiträge hilfreich sind.
    Alles Liebe,
    Olivia

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