Bedürfnisorientiert, Bindungsorientiert, Eltern, Geschwister, Gleichwürdig
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Geschwisterstreit

Ich koche. Die Boys spielen. Allein.
Ich bin froh, dass sie beschäftigt sind, und ich mich somit in Ruhe dem Essen widmen kann. Aufsichtspflicht? Verantwortung? Kurz mal ungefragt an den größeren von beiden abgegeben. Irgendwann heult einer. Während ich auf die beiden zugehe, sehe ich gerade noch, wie Bobby Kannee auf den Rücken boxt. Dass er dabei selber heult, nehme ich als untrügerisches Zeichen dafür, dass ihm zuvor ebenfalls (aktuell sehr wahrscheinlich durch beißen) schmerzhaft zugesetzt wurde. Ich zu beiden so mittellaut:„Mann ey, warum haut Ihr Euch?!“

Kennt Ihr? Mal ehrlich- dumme Frage! Der eine, weil er zuerst gehauen wurde, und der andere, weil ihm entweder was weggenommen oder gar nicht erst gegeben wurde. Was sonst- als gäbe es sonderlich viele Gründe für geschwisterliche Handgreiflichkeiten. Selbst wenn- es ist oft ziemlich egal oder aber zumindest zweitrangig. Die Frage ist nämlich: „Warum kommt es soweit?“ Kinder wollen eigentlich, genau wie wir alle, einfach nur eine gute Zeit haben, zwischendurch Ruhe und vor allem keinen Stress. Dafür sorgen sie. Nach ihren Möglichkeiten, mit ihren Mitteln. Umstände zu schaffen, in denen diese kindlichen Mittel ausreichen, ist unsere Aufgabe. Also, ernste Frage: Warum kommen wir so (zu) spät? Warum sind wir nicht da für unsere Kinder? Dann, wenn sie uns benötigen. Bevor einer in den Brunnen plumpst! Haben sie im Auge, sehen wann es kritisch wird, unterstützen? In Form von Moderation. Mediation. KOMMUNIKATION. Rechtzeitig! Damit sie in Ruhe lernen können, Unstimmigkeiten zu klären, statt sich der einzigen Strategie zu bedienen, die ihnen untereinander doch einige Zeit lang einzig möglich ist- das Gesetz des Stärkeren. Tut der Stärkere nun genau dies, weil wir ihn durch unsere Unaufmerksamkeit dazu zwingen, haben wir meist Mitleid mit dem Schwächeren, sind dazu sauer auf die Schnelligkeit des „Täters“, statt uns bei diesem für unsere eigene Lahmarschigkeit zu entschuldigen. Statt Raum und Sicherheit zum erlernen von Sozialverhalten zu schaffen, erschaffen wir unbeabsichtigt, aber dennoch eher eine Art Kampfarena im Kinderzimmer. Als Zuschauer zu spät kommen und “Buh!” rufen? Nee, oder?

Ein Kind „kämpft“ immer mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Das ist vollkommen in Ordnung. Hakelig wird es nur, wenn es, meist durch Erwachsene, in Situationen bugsiert oder darin (zu lange) allein gelassen wird, für deren Handling es noch keinerlei sozialverträgliche Strategie besitzt. Für mich ist somit die übliche Klage „Mein großer Sohn ist total aggressiv gegenüber seiner kleinen Schwester!“ tatsächlich klassisches Victim Blaming.
Der Junge in dem Fall, tut nämlich einfach nur, was er kann. Wie so oft wäre es wesentlich hilfreicher, statt an dem vermeintlichen Fehlverhalten des Kindes herumzudoktorn, sein Augenmerk darauf zu verlegen, selbst für ein Umfeld zu sorgen, in dem Frieden überhaupt erst möglich wird. Und zwar realistisch und nicht nur weil „Max könnte ja mal, weil ist ja schon groß genug um, und überhaupt- es ist doch seine Schwester und hauen tut man nicht!“

Klar wäre es schön, wenn Geschwister friedlich miteinander spielen würden. Allein. Das werden sie. Meistens. Aber eben erst dann, wenn sie dazu in der Lage sind. Fair streiten lernt man nicht durch streiten müssen. Nicht aus der Not heraus. Fair streiten kann man, wenn man mit sich selbst und seiner Umwelt soweit im reinen ist, als dass man eben durchaus mal von sich selbst und seinen Befindlichkeiten ablassen, und stattdessen einen anderen vorziehen kann. Vor oder immerhin neben sich selbst. Königsdisziplin. Auch für manch Erwachsenen. Das ist echt die hohe Schule, die wir da so ganz selbstverständlich von Geschwistern erwarten. Bis unsere Kinder soweit sind, können wir, um bei meinem Eingangsbeispiel zu bleiben, vorkochen, gemeinsam kochen, Pizza bestellen. Uns um die Kinder, statt das Essen kümmern. Oder wenn das zwischendurch mal echt nicht geht, ihnen wenigstens die ohnehin ziemlich fadenscheinige Kritik und zudem zu späte Frage nach irgendwelchen Beweggründen (die meist lediglich nur nach Schuld statt Ursache sucht…) ersparen.
Stattdessen Verantwortung bei uns lassen. Da wo sie hingehört. Beide trösten und ggbfs. verarzten (…). Geschwister ziehen sich nun mal ab und an eins über. So ist das. Nicht schön, aber auch kein Weltuntergang. Und nächstes Mal dann eben vielleicht einfach (noch) besser begleiten. Schneller sein. “Private-Zones” für vor allem die Größeren einrichten, in denen sie ‘sicher’ vorm ab und an recht zerstörerischen Kleinkind sind.
Große Kinder sind dazu übrigens keine Babysitter und kleine sehr selten faire Spielpartner. In Kombi braucht es uns. Und zwar noch eine ganze Weile.

Es mag helfen hier Prioritäten neu zu setzen- in Ruhe Kartoffeln schälen können wir noch lang genug. Beide Kinder beim spielen beobachten (das allein ist für mich durchaus ein oft bereits ausreichendes begleiten!), mag sich jetzt grad lang anfühlen, ist aber morgen schon vorbei. Es lohnt sich. Um des lieben Friedens willen, der nämlich nur genau so kommen wird. Schritt für Schritt. Langsam Irgendwann. Bestimmt.

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