Eltern, Thinking
Kommentare 3

Epiktet, Stoizismus und Nicht-Erziehung

Ich weiß nicht, ob das hier überhaupt Jemanden interessiert- ich schreibe es dennoch kurz runter- im Zweifel für mich selbst.
Wer Lust auf einen kleinen hobbyphilosophischen Austausch hat, darf gern weiterlesen.
Berücksichtigt bitte, es ist mal wieder nach Mitternacht und ich sollte eigentlich längst schlafen…

Seit ein paar Tagen lese ich Epiktet, einen der Philosophen der späten Stoa († um 138).
In der Stoischen Philosophie geht es im Grunde ja um eine ganzheitliche Sicht auf die Dinge, die letztlich in einem universellen Prinzip mündet, welches für alles Sein anwendbar zu sein scheint.

Als Stoiker, wie es Epiktet einer war, bedeutet das, seinen Platz in dem Gefüge Welt und Leben zu finden und durch innere Gelassenheit und Erkennen von emotionalen Täuschungen nach Weisheit zu streben.

Knapp aber dennoch sehr treffend beschreibt Mark Aurel (†17. März 180) das stoische Weltbild in Selbstbetrachtungen VII, 9 wie folgt:

„Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, so wie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.“

Ich will niemanden langweilen und belasse es mal bei dem kurzen Abriß.

Stoische Gelassenheit ist übrigens eine Eigenschaft, die gerade für das Elternsein wahnsinnig hilfreich ist, und um die zu bemühen es sich daher mehr als lohnt.
Als Herangehensweise für Beziehungen wohl allgemein…

Zurück zu Epiktet und einem seiner Zitate, welches in diesem Moment vor mir liegt:

„Wir Menschen werden nicht gestört oder zerstört von den Dingen, die uns wiederfahren. Sondern von unseren Gedanken und Meinungen über diese Dinge. Wenn wir wütend sind, ängstlich, enttäuscht oder traurig, lass uns das nicht anderen oder der Situation zuschreiben, sondern uns selbst, das heißt: unseren Gedanken und Meinungen.“

Als ich mit einem Freund vorhin dazu schrieb, war seine erste Reaktion „Boah- was ein Schlag ins Gesicht, für all die, die wirklich großes Leid oder auch schwere Krankheit erleiden- ist ja nix anderes als ‚Selbst Schuld!‘!“

Ich würde es aber gegensätzlich so sehen wollen, dass darin doch eher eine Chance liegt, dem Leid zu entkommen?

Ist es nicht vielmehr ein Aufruf, ein Appell an uns Verantwortung zu übernehmen für unsere Emotionen, bzw. für das was zu ihnen führt? Eigentlich „einfach“ unsere Meinungen loszulassen. Unsere ständigen Bewertungen entstehen durch all diese Meinungen. Ohne Meinung, keine Wertung. Mit Meinung Dinge aber wertfrei, und somit gelassen zu betrachten, ist wohl unmöglich.

Mir gefällt der Ansatz total, quasi eine Garantie für zufriedenes, glückliches Leben- wie verlockend klingt das denn? (Wobei Glück für mich jetzt nicht unbedingt wenig mit Emotionalität zu tun hat- Zufriedenheit aber durchaus. Zufriedenheit als Resultat von Dingen in Fluß und demnach natürlicher Harmonie.)

„Einsicht in die Vernunft als herrschendes Merkmal eines zufriedenen und glücklichen Lebens.“

Freiheit und Notwendigkeit sind quasi untrennbar. Denn größte Freiheit, größtes Glück und Weisheit wird dem zuteil, der die Notwendigkeit, das Unvermeidbare in Würde trägt.
Also ungefähr „Nimm hin, woran Du eh nix ändern kannst!“

„Übe dich in dem Möglichen, verzichte auf alles, was nicht in deiner Gewalt ist.“

Hhm, wenn wir schon bei Logik sind- was ist demnach der logische Umkehrschluss?

Bedeutet dieser denn dann nicht ebenfalls, dass auch alles Glück und alle Freude  nicht zurückzuführen sind auf bestimmte Personen, oder Situationen, sondern eben begründet sind in der Auslegung der Dinge aufgrund bzw. anhand unserer Gedanken und Vorstellungen über  genau all das?
Weit weg von Wahrheit und Tatsache?
Ist also ein bestimmter Mensch gar nicht unbedingt großartig, sondern ich denke ihn mir so?

Und ist das vielleicht aber auch gar nicht von Bedeutung, weil wenn es demnach weder gut noch schlecht gibt, sondern alles einfach nur ist, machen dann meine Gedanken, egal ob sie eben emotionaler (und somit unlogischer) Natur sind, nicht mich wenigstens zum Individuum, was ja ansonsten gar nicht möglich wäre. Wenn alles nur eine Abhandlung logischer Kausalitäten ist, dann wären wir ja selbst auch nicht mehr als eine logische Folgerung auf etwas.
Ernüchternd zwar, aber auch ziemlich befreiend, finde ich.

Wobei unsere Gedanken wahrscheinlich so wahnsinnig individuell gar nicht sind, sondern weitaus mehr geprägt durch beispielsweise Erziehung und Gesellschaft.
Allgemein sehe ich da so viel Wertvolles gerade hinsichtlich Erziehung oder auch Nichterziehung.
Im Grunde geht es ja auch hier um ein Loslösen von vor allem Ängsten- ein ziemlich grundlegendes Thema für uns Eltern mit Blick auf unsere Kinder…
Hinnehmen, was ist.
Darauf vertrauen, dass ohnehin kommt, was kommen soll.
Besonders aber auch Verantwortung für UNSERE Gefühle zu übernehmen, und diese nicht als Maßstab für unser Tun und Handeln, sogar Sein zu nehmen.

Hat grad was von ins Tagebuch kritzeln… 

Ich könnte noch ewig weiterschreiben- aber genauso gut kann ich hier auch aufhören mit der Frage- was meint Ihr?

Ich komme, zumindest aktuell zu dem Schluss, dass eben alles Einstellungssache ist.
Was für mich dann zumindest bedeutet, weniger Beschwerde, Jammer- und Meckerei, und im Gegenzug dafür, mehr an meiner Einstellung zu arbeiten.
Die kann ich zumindest durchaus kontrollieren. Warum also sollte es andersrum sein?

Wer Bock auf Gedankenaustausch hat- ich freue mich auf Deinen Kommentar.

Wer hat „Das Buch vom geglückten Leben“ auch gelesen?

(Amazon Affiliate)

Meinungen?

Ich glaube die Kernbotschaft des Herrn Epiktet würde uns ganz, ganz vieles wesentlich einfacher machen.
Gerade für uns Eltern!
Genauso wie etwas Stoiker Routine:

Klickt mal hier -> Stoiker.net

Epiktet sagte übrigens auch:

„Auch sollst Du nicht mit müden Augen zu Bett gehen, bevor Du nicht sorgfältig nachgeprüft hast, was Du am Tage getan hast.“

Das mache ich dann jetzt mal- Gute Nacht,

O*

3 Kommentare

  1. Hi Olivia, schöner Beitrag!
    Das,was wir ändern können zu ändern und das, was wir nicht ändern können zu akzeptieren , sind ebenfalls Aussagen der Stoiker und sie haben recht. Um was machen wir uns nicht alles einen Kopf, Gedanken, Gefühle bestimmen jede Handlung. Wir sind pausenlos am Bewerten unserer eigenen Handlungen und der anderer. STOP! Pause und los , wäre die klügere Strategie, denn wie wir auch in der Mind Body Medizin lernen beeinflussen wir uns, unsere Vitalfunktionen damit enorm. Wir haben dieses Verhalten in früheren Zeitaltern zur Fehlervermeidung und zum Überleben gebraucht, heutzutage stört uns dieses aber eher in unserer Entwicklung, als dass es hilft. Wenn man Philosophen aller Glaubensrichtungen und Weltvorstellungen befragt, die aktiv meditieren und nicht bloß darüber reden, erkennt man den gemeinsamen Tenor: Bescheidenheit, Dankbarkeit, Frieden, Harmonie, Urteilslosigkeit, denn unser Urteil über etwas ändert sich ständig mit unserem Kenntnisstand, unserer Information über das Objekt. Wenn sich , zB . durch Meditation unser Bewusstsein und unsere Informationen erweitern, ändert sich auch die Meinung über etwas bis zu dem Punkt,
    dass man bescheiden erkennt nicht viel zu wissen/gewusst zu haben und somit unrecht tut mit seinem Urteil. Die Komsequenz daraus: Nicht urteilen, bewerten! Ein anderer Punkt betrifft unsere Einstellung zu äußeren Ereignissen. Auch hier haben die Stoiker einen guten Lernspruch: “ Versuche stets, auch in schwierigen Situationen , Gleichmut zu bewahren!“ Ja, was wir denken und fühlen bestimmt unser Leben! Nicht umgekehrt! D.h. auch äußere Einflüsse, Geschehnisse werden von 10 Menschen auf 10 verschiedene Arten erlebt und interpretiert. Was wir daraus machen, emotional,intellektuell bestimmt inwieweit uns diese Ereignisse beeinflussen und verändern. Es ist unsere bzw. Sollte unsere bewusste Entscheidung sein und dazu ist es hilfreich achtsam zu sein! Es gibt ganz einfache Übungen unsere Aufmerksamkeit zu schulen: Nur mal langsam barfuß am Strand spazieren gehen, den Sand zwischen den Zehen spüren, das Wasser, das die Knöchel umspielt, die Sonne , die die Haut erwärmt und der Wind, der uns na Gesicht blässt. Ein Kind, das eben nach der Mutter schreit, während im Hintergrund ein Kreuzfahrtschiff sein Horn ertönen lässt…. und das alles gleichzeitig! Wer hätte Gedacht, dass wir soviel in einem Augenblick wahrnehmen, wenn wir selbst innerlich zur Ruhe kommen. Auch da sehen wir, dass wir im selben Augenblick, aber unbewusst erlebt, nur einen Bruchteil mitbekommen, aufgrund dessen wir aber normalerweise werten und daraus abgeleitet handeln!!!!! Also nochmal: JA !- unser denken und fühlen bestimmen unsere Welt und unser Handeln! Daher ist der Stoische Ansatz hilfreich ein wertfreieres, entspannteres und für alle etwas gerechteres Leben zu leben!
    Lg Jogi

  2. Katja sagt

    Hi Olivia,toller Artikel und schöne Gedanken. Hat mir grad sehr gut getan und passt sehr gut zu dem was ich empfinde, mir aber in dieser Woche ein bisschen abhanden kam . Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei × 2 =