Bindungsorientierte Elternschaft

Free Family! Freiheit, frei, freie Familie- was für schöne, vielgebrauchte und doch so dehnbare Begriffe. Was heisst das denn eigentlich genau? Dayna Martin sagt: "...die Freiheit über Leben und Lernen selber zu bestimmen!"

Hier soll es darum gehen, was es für mich und meine Familie bedeutet, frei miteinander zu leben. Selbstbestimmt, bedürfnisorientiert und dennoch gleichwürdig und respektvoll einander gegenüberstehend den Alltag miteinander zu gestalten. Gemeinsam statt getrennt und vor allem in Beziehung miteinander. BINDUNGSORIENTIERT bereits mit den Kleinsten. Keine leichte Aufgabe, aber es lohnt sich so sehr. Raus aus all den Zwängen, die uns vorschreiben, dass wir unseren Kindern ständig etwas vorschreiben müssten, nur damit sie lernen Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen. Raus aus all diesen Automatismen, Erwartungshaltungen, all den angelernten, anerzogenen Denkweisen. Aber auch unbedingt weg von all den Meinungen darüber, wie gute Elternschaft auszusehen hat. Denn so unterschiedlich wir alle sind, so unterschiedlich dürfen und müssen wir sogar, Familie leben!
Also- hinein in ein soviel entspannteres Familienleben! 
Alle Beiträge meines Blogs zu genau diesen Themen findest Du hier.

"Wenn die Sache wichtiger wird als die Beziehung, dann führt das unweigerlich dazu, dass das Kind nur noch als Objekt gesehen und behandelt wird – und dabei ist es ganz egal, ob es um das Essen, das Aufräumen, die Hausaufgaben, das Schlafen geht… Daher müssen wir uns die Frage stellen, ob es das Wert ist, die Beziehung zu gefährden, um ein Baby dazu zu bringen, durchzuschlafen, ein Kleinkind dazu, aufs Töpfchen zu gehen, oder ein größeres Kind dazu, auf seine Manieren zu achten." (Alfie Kohn in 'Liebe und Eigenständigkeit')

Ich habe lange ziemlich resolut erzogen bei uns zu Hause.
Sehr lange. Streng, konsequent, nach Schema F.
Meine Kinder. Meinen Partner. 
Ich habe gemacht, wie man es eben machte. 
Bauchgefühl? Hinterfragen? Hinsehen? Mich ansehen? Fehlanzeige! 
Es war sogar so, dass meine Kinder überall immer als die „super gut Erzogenen“ galten, an denen sich andere mal schön ein Beispiel nehmen sollten.
Das war stets als Kompliment gemeint, und so war ich für Viele Erziehungs-Vorbild und habe bei Bedarf stets freigiebig auch mit, meiner heutigen Meinung nach dem Kind gegenüber durchaus übergriffigen, pädagogischen Ratschlägen um mich geworfen.
Leider! 

Ich habe wohl ganz „gut“ erzogen, war konsequent und habe „Wenn-Dann“ praktiziert bis zum Get no. Drohen und Erpressen von Schutzbefohlenen quasi (Ja- nichts Anderes ist das nunmal, wenn man es genau nimmt...) vom allerfeinsten. Bei meiner Großen könnte man meinen- yeah- hat voll funktioniert. Alles lief immer easy peasy und es gab wirklich niemals nennenswerte Schwierigkeiten. Mein erster Sohn hat mich dann aber von meinem hohen Roß runtergeholt und mir ganz deutlich aufgezeigt, dass die üblich Art der "guten" Erziehung eben nicht unweigerlich für Alle zielführend ist, sondern extrem abhängig von der Persönlichkeit des zu erziehenden Kindes. Mancher lässt es halt über sich geschehen, passt sich an und unterwirft sich dem vermeintlich Stärkeren (in dem Fall den Eltern) ohne (offensichtliche) Probleme und ein Anderer eben nicht- den nennt man dann gerne „schwierig“…  Ich selber galt meine komplette Kindheit als Letzteres und weiß wirklich nicht, warum genau das dennoch so lange mein Weg war. Warum ich der Überzeugung war, das ein Kind unbedingt eine "gute" Erziehung braucht.
Um seinetwillen? Oder ging es dabei doch nicht auch sehr stark um mich? Um Andere?
Ich glaube, es ist uns, wie so oft im Leben, viel zu wichtig, was Andere über uns und unsere Kinder denken. Doch sagt das wirklich etwas über die Qualität unserer Elternrolle aus?
Ganz sicher nicht!

Klar, weiss ein Kind vielleicht nicht unbedingt, wo es für MICH lang geht, SEINEN Weg findet es dafür aber ganz bestimmt, wenn man es ihm ermöglicht.

DABEI will ich meine Kinder begleiten. Unterstützen. Auf Augenhöhe und in Gleichwürdigkeit. Nicht von oben herab.

BEziehung vor ERziehung!

Die Haltung, die solch einen Blick auf die Familie, das Kind zulässt findet sich, für mich zumindest, im auch dem Mainstream mittlerweile immer bekannter werdenden Begriff 'Unerzogen' wieder. Oft polarisiert dieser oder wird gar komplett mißverstanden, ist das Wort Unerzogen doch in unserem Sprachgebrauch eher negativ besetzt- Unerzogen = Ungezogen. Zudem stimme ich nicht all den, nach aussen zumindest immer wiederkehrenden, unter dem Namen Unerzogen ausgeführten Handlungen zu, die einem leider ständig in den verschiedenen Communities begegnen. Mir wurden und werden diesbezüglich einfach zu oft, mir äußerst kontrovers erscheinende Auslegungen zugetragen, so dass ich mich, um Missverständnissen in meiner Arbeit vorzubeugen, von der Begrifflichkeit bewußt distanziert habe. Nicht weil ich glaube, dass der Gedanke dahinter an sich falsch sei, sondern weil ich es für mich als nicht hilfreich erachte, für eine gute Sache eine Bezeichnung zu verwenden, die zum einen offensichtlich unweigerlich für unnötige Konflikte und Mißverständnisse sorgt, und zum anderen allzu oft von allzu vielen Menschen, für mein Verständnis zumindest, fragwürdig ausgelegt wird. Auch wenn stets argumentiert wird mit "Da wurde Unerzogen nicht verstanden!", bestätigt mir das doch nur einmal mehr, dass es sich dabei um eine extrem mißverständliche, vielleicht in der Form gar nicht unbedingt für die breite Masse geeignete Thematik handelt, wenn eben ständig Menschen (angeblich) alles falsch verstehen. Wozu sich also an ein Wort binden, sich überhaupt binden, wenn es viel mehr um Individualität, Freiheit, um persönliche Werte, und einzigartige Beziehungen zueinander geht? Die Idee aber würde ich behaupten ist absolut identisch mit dem wovon auch ich heute ausgehe.
Alle Menschen stehen von Natur aus, in einem gleichwürdigen Verhältnis zueinander!
Ich empfehle Jedem, der sich für Unerzogen interessiert, sich erstmal in den bekannten URSPRÜNGLICHEN Kanälen (Physik der Beziehungen, Elternmorphose oder Unerzogen Leben!) zu informieren, anstatt sich ohne Vorwissen in entsprechenden Communities zu bewegen und Eindrücke zu sammeln, die eben nicht allesamt für die Sache stehen. Um das differenzieren zu können sollte man, meiner Meinung nach, den Gedanken dahinter verinnerlicht haben. Ansonsten läuft es eben genau so, wie derzeit, dass immer wieder Eltern, schockiert über vielerlei Darlegungen, "flüchten" und falsche Definitionen verbreiten. Extrem kontraproduktiv.

'Antipädagogik', der Begriff, der mir schon vor einigen Jahren begegnete, und mich erstmals auf die Thematik klassische Erziehung ja oder nein aufmerksam machte, klingt nun auch nicht unbedingt wohlwollender für jedes Ohr und 'Bedürfnisorientiert' ist toll, genügt mir persönlich manchmal allerdings nicht in jeder Hinsicht, bzw. passt es für mich "100%ig" eher für die Zeit mit dem Baby. (Auch wenn natürlich wesentliche Aspekte dieses Umgangs wie Langzeitstillen und Familienbett z.B. auch für ältere Kinder unbedingt und absoluten Mehrwert bieten!)
Mit Beginn der Autonomiephase werden meiner Meinung nach Aspekte wie das Recht auf Autonomie und Integrität beispielsweise unumgänglich, um eine wirklich gleichwürdige Beziehung miteinander leben zu können- allein bedürfnisorientiert scheint da für mich persönlich manchmal nicht (mehr) genug. Gerade im Umgang mit jugendlichen Kindern fehlt mir da irgendwie was. Das hängt natürlich aber auch stark von der eigenen Definition des Begriffs "Bedürfnis" ab. Üblicherweise wird unter "Bedürfnisorientierter Erziehung" aber ja vor allem der Umgang mit dem Kind unter Berücksichtigung der sieben Punkte Familienbett, Tragen, Stillen, Verzicht auf Schlaftranig, Bonding, Promptes Reagieren auf Weinen (=Kommunikation) und dem Einbezug der Eltern daraufhin, dass diese eben auch Ihre Grenzen und Bedürfnisse sehen müssen, um entspannt im Umgang mit dem Kind sein zu können, verstanden. Das Bedürfnis nach Autonomie beispielsweise, wird mir da nicht ausreichend explizit angeführt, auch wenn viele APler diesen Punkt aus der gelebten Haltung heraus, sowieso automatisch auf die Beziehung zu ihren Kindern übertragen. Das mag wohl auch daran liegen, dass Attachment Parenting am Ende eben auch viel mehr Haltung und Lebenseinstellung als Erziehungsmethode ist. An dieser Stelle empfehle ich gerne einen Link zu einem Artikel bei Bindungsträume. Auch so findet sich allerhand Aufschlussreiches zum Thema auf den Seiten dort. Absolut weg von Fanatismus und frei von Wertung- schlicht PRO BINDUNG- das gefällt mir sehr. Weil es das ist, was am Ende zählt- die Beziehung!

Ich nenne die Elternschaft, die ich propagiere bevorzugt AUTHENTISCH. Einfach weil diese Bezeichnung für mich persönlich total positiv klingt, von Vornherein (hoffentlich...) weniger Missverständnisse hervorruft und dazu herrlich viel Individualität zulässt. Nicht nur in der Auslegung nachher, sondern eben allein schon anhand der Begrifflichkeit. Authentizität ist etwas extrem Individuelles. Vorausgesetzt natürlich, man hat das geflügelte Wort "Authentizität" einmal ehrlich für sich definiert...
Authentische Elternschaft- Beziehung mit meinen Kindern, in Einklang mit meinen ganz eigenen Werten, Überzeugungen und meiner Persönlichkeit leben- das fühlt sich für mich herrlich richtig und dabei dennoch total frei an. 
Grundsätzlich ist Wissen für mich die Grundlage für verantwortungsbewusstes Handeln- wir haben heutzutage so einfach Zugang zu diesem, da ist es mehr als schade, dass bei etwas so dermaßen Wertvollem wie unseren Kindern, so oft rein nach Bauchgefühl und „das macht man halt so“ gehandelt wird. Wissen UND Werte- das ist eine unglaublich wichtige Kombination für mich. Werte, die wirklich mir selbst entsprechen, nicht irgendwelchen anerzogenen Glaubenssätzen.

Entscheidend ist die Bindung zum Kind, nicht der Begriff, der diese Bindung benennt!

Authentische Elternschaft und ein bindungsorientierter, gleichwürdiger Umgang mit unseren Kindern- das ist, wofür mein Herz schlägt. Wie das in der Praxis für jeden Einzelnen ausschauen kann, entscheidet Jeder, jede Familie für sich. Familie ist so wunderbar bunt und lebendig, da finde ich es wenig hilfreich Vorgaben für konkrete Verhaltens oder Vorgehensweisen zu machen. Es muss aus uns selbst kommen. Deshalb lade ich immer wieder dazu ein, unbedingt und zu allererst eben genau dahin, auf sich selbst zu blicken. 

Mein Verständnis des Begriffs GLEICHWÜRDIG, so wie er auch auf FreeFamily.rocks verwendet wird, ist begründet in den Worten von Jesper Juul in "Was Familien trägt", (Kösel-Verlag, 2006, S. 24)

"Erwachsene und Kinder begegnen sich „gleichwürdig“, sofern ihr Verhältnis als ein Verhältnis zwischen Subjekten gestaltet wird. Die intersubjektive Auffassung der pädagogischen Beziehung verwahrt sich so ebenso gegen eine autoritäre wie eine laisser-faire Haltung, bei der entweder das Kind oder der Erwachsene zum Objekt erniedrigt wird: „Gleichwürdig bedeutet nach meinem Verständnis sowohl »von gleichem Wert« (als Mensch) als auch »mit demselben Respekt« gegenüber der persönlichen Würde und Integrität des Partners. In einer gleichwürdigen Beziehung werden Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse beider Partner gleichermaßen ernst genommen und nicht mit dem Hinweis auf Geschlecht, Alter oder Behinderung abgetan oder ignoriert. Gleichwürdigkeit wird damit dem fundamentalen Bedürfnis aller Menschen gerecht, gesehen, gehört und als Individuum ernst genommen zu werden."

Und:

Jesper Juul: "Dein kompetentes Kind", Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch Verlag), 2016, S. 24)

"Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv, weil sie die Kinder für ihre Nächsten zu Objekten macht"

Es geht nicht darum, dass Kinder machen sollen, was sie wollen. Wir haben als Eltern die Verantwortung für sie und deshalb ist es natürlich ganz klar nicht nur unsere Aufgabe sie zu begleiten, sondern sie ebenfalls vor Gefahren zu schützen und dabei aber dennoch ihre Integrität und Würde, ihr Recht auf Autonomie zu respektieren! 
Allerdings: fällt die Erziehung in der üblichen, gewohnten Form weg, dann MUSS an diese Stelle ganz unbedingt eine wirkliche, echte BEziehung treten. Ansonsten passiert genau das, was so ganz und gar nicht Inhalt meiner Überzeugung ist- das Kind wird quasi schlichtweg sich selbst überlassen. Das ist verantwortungslos und hat absolut nichts mit einer gleichwürdigen Eltern-Kind-Beziehung zu tun!
Das soll in keinem Fall bedeuten, dass ich davon ausgehe, Erziehung und Beziehung würden einander ausschliessen! Auch Erziehende haben selbstverständlich wunderbare, liebevolle Beziehungen zu ihren Kindern! Eine wahrhaft gleichwürdige Beziehung zu meinem Kind ist aber nun mal schlicht weg nicht möglich, wenn in dieser grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass ein Part der Verbindung (Eltern) aufgrund der zweifelsohne vorhandenen Machtposition das Recht hat, diese über das Kind hinweg "auszuspielen". Das aber geschieht bei sämtlichen erzieherischen Handlungen. Der stärkere Erwachsene gibt dem schwächeren Kind vor, wie es sich zu verhalten hat. Im Zweifel wird dies durchgesetzt, durch klassische Machtmittel, wie 'Unter Druck setzen' und Drohungen- "Wenn Du X nicht tust passiert Y!". In einigen Fällen wird gar auf Zwang oder auch das Einsetzten körperlicher Kraft zurückgegriffen- Kinder werden festgehalten um ihnen Kleidung anzuziehen oder ihnen die Zähne zu putzen. Ganz wertfrei betrachtetet ist ein Verhältnis, in dem solch ein Vorgehen zulässig ist, keine gleichwürdige Konstellation sondern ein klassisches Machtgefüge. Das widerspricht meiner Vorstellung von der Würde jedes Menschen, die selbstverständlich auch unseren Kindern zusteht!
Warum? Weil sie Menschen sind!

Unsere Kinder kommen bereits mit allen notwendigen sozialen Kompetenzen auf die Welt und es besteht keine Notwendigkeit sie unter Anwendung von erzieherischer Machtausübung zu verändern bzw. nach unseren Vorstellungen zu formen- Jedes Kind ist richtig, ganz genau so wie es eben ist. Fähigkeiten, die noch nicht voll ausgebildet sind, erlernt das Kind allein anhand der engen Bindung an die Bezugspersonen. Respekt und Empathie beispielsweise können nicht anerzogen werden. Kinder werden somit automatisch zu mitfühlenden Erwachsenen, wenn ihnen genau so begegnet wird. Ein "Man haut keine anderen Kinder- lass das!" führt nicht zu echter Rücksichtnahme auf andere beim "Täter-Kind", sondern vermittelt diesem lediglich, dass der Stärkere (Eltern) das Recht besitzt, dem Schwächeren, vermeintlich Falschem (Kind), vorzuschreiben, wie er zu sein hat. Wer aber will das bitte seinem Kind beibringen?
Haut mein Kind nun ein anderes, ist das natürlich nicht aktionslos hinzunehmen. Es ist aber hilfreicher, dem Kind hier in Liebe und auf Augenhöhe zu begegnen, statt die Handlung (und für das Kind damit auch seine Person!) zu bewerten. Nach dem Warum, der Ursache des Verhaltens zu suchen und dort anzusetzen. Hauen, gerade bei Kleinkindern, ist in dem Fall oft Mittel zum Ausdruck von Kommunikation beispielsweise, was mit Aggressivität nichts zu tun hat. (Andrea von Herzensglückskind erklärt es hier ganz toll: Es ist ok, wenn mein Kind mich haut oder auch hier sehr informativ erklärt: Gründe, warum kleine Kinder hauen ) Für uns negativ scheinende Verhaltensweisen sind in der Regel immer Ausdruck von (unerfüllten) Bedürfnissen- wenn ich das übersehe ist es ein klassisches "Pferd von hinten aufzäumen"- hier bin ich gerne klar und deutlich- das ist dem Kind gegenüber meines Erachtens unfair!

Begegne ich meinem Kind emphatisch, erfrage seine Bedürfnisse und erfasse es so in seiner Tiefe, dann wird es mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nacheifern und anderen Menschen ebenso einfühlsam und respektvoll gegenübertreten. Irgendwann. Wahrscheinlich. Wenngleich eventuell auch nicht in allem. Na und? Werte sind extrem persönlich, und so hat jeder Mensch das Recht, sich seine eigenen zu erschaffen. 
Zudem gilt ohnehin als erwiesen, dass Kinder größtenteils durch Vorleben lernen, also tun wir das doch am besten so emphatisch, respekt-und liebevoll wie nur irgendmöglich!
Und zwar ohne sie ständig anhand von Belohnungen, Strafen oder sonstigen einschlägigen Erziehungsstrategien zu manipulieren.

Statt das Verhalten unsere Kinder immer nur zu bewerten, sollten wir den Fokus vielmehr darauf legen, nach dem Warum zu fragen. Jedem Tun liegt ein (oft unerfülltes) Bedürfnis zu Grunde. Sehen wir unser Kind, unterstützen wir es dabei seine Bedürfnisse zu stillen, bieten ihm Strategien dazu an, dann ist ein wesentliche Schritt in unserer Beziehung zueinander getan.
Dabei dürfen die Eltern, aber auch unbedingt ihre eigenen Bedürfnisse nicht übersehen- meine Grenzen dem Kind klar aufzuzeigen ist unumgänglich. Beziehung heisst zuhören aber auch sich mitzuteilen.
Es ist aber durchaus ein Unterschied, ob ich meine Grenze mitteile oder diese versuche meinem Gegenüber als seine eigene Grenze aufzudrücken. 

Es soll hier nicht darum gehen, ob Erziehung nicht auch ein liebevolles Begleiten sein kann, oder, ob beispielsweise einfaches Spielen oder bloßes Vorleben, (was ja unumgänglich im Leben mit Kindern ist) bereits prägt und somit Erziehung sei, und wir daher eh Alle irgendwie erziehen, ständig. Klar, das kann man durchaus so verallgemeinern, bringt uns hier dann aber leider nicht weiter. Das ist am Ende meiner Meinung nach lediglich Wortklauberei, und bei aller Wichtigkeit der Bedeutung von Sprache, geht es mir hier wesentlich weniger um Begriffe als um deren Inhalte. Jeder kann es für sich persönlich benennen, wie er es möchte, ich denke jedoch, es hilft nun mal ungemein, bei der Diskussion eines Themas, sich auf eine gemeinsame Definition zu einigen. In meinem Fall nehme ich die standardmässige (Duden, Wiki usw.), wie sie ja übrigens auch in der Regel heutzutage praktiziert wird. Ja, es gibt ganz viele verschiedene Erziehungsmethoden, Konzepte, allerdings eint Erziehung doch immer Folgendes: "Erziehung wird von Erziehungsnormen geleitet. Sie erfolgt im Rahmen von Erziehungskonzepten, die auf Erziehungsziele ausgerichtet sind, und greift auf Erziehungsmittel und Erziehungsmethoden zu." (Zitat Wikipedia, was zugeben nicht immer ein souveräner Berater ist, allgemeine Definition finde ich, kann es aber ganz gut.) Ein Vorleben, wenn es denn ohne die Beabsichtigung der Einflussnahme auf das Kind geschieht, ist im Kontext, um den es mir hier geht, also keine Erziehung sondern hat vielmehr, genau wie Miteinander sprechen, spielen usw. mit BEziehung zu tun. Natürlich beschütze ich mein Kind vor realistischen Gefahren (Unbedachtes über die Strasse laufen) oder auch vor Folgen, die es aufgrund mangelndem Wissens nicht einschätzen kann und die nicht durch eine direkte Erfahrung beispielsweise selbst kennengelernt und bewertet werden können (Ungesunde Ernährung, Übermäßiger Medienkonsum u.ä.). Das mag manch einer auch als Gewalt bezeichnen, dient aber seinem Schutz und ist somit für mich mehr als legitim! Aber auch hier bedeutet beispielsweise Schutz vor übermässigem Süßigkeitenverzehr nicht unweigerlich ein Verbieten sondern vielmehr ein Begleiten beim Umgang mit ungesunden Nahrungsmitteln. Da liegen feine aber für das Kind in seinem Gefühl der Selbstwirksamkeit und Autonomie riesige Differenzen. Selbstverständlich kann es manchmal nötig sein, über den Kopf des Kindes hinweg zu entscheiden- wenn wir ehrlich sind, bleiben das aber tatsächlich vereinzelte Situationen und diese katapultieren uns, wie ich überzeugt bin, ganz sicher nicht unweigerlich heraus aus der Beziehung zum Kind.
Klassische Situationen sind für mich hier Ernährung und Medien.

Medien und Ernährung

Gerade in den Punkten unterscheidet sich meine Herangehensweise dann übrigens wohl doch von Unerzogen.
Mein Sichtweise kannst Du Dir in diesem Video anschauen: Olivia und Unerzogen
Vielleicht auch weniger als ich meine- ist es am Ende ja aber auch vollkommen egal, auch wenn ich  durchaus "fürchte", ich bin da einfach zugegebenerweise wesentlich weniger konsequent in meiner Einstellung- das ist mir allerdings sehr wohl bewußt und absichtlich so gewählt. Unerzogen bedeutet, wie es stets klipp und klar ausgedrückt wird, ganz oder gar nicht. Entweder gehe ich den Weg oder ich gehe ihn eben nicht. Entweder bin ich gegen Erziehung und das auch in all ihren erdenklichen Ausblühungen, oder ich bin quasi für sie. Das hat mich anfangs (teilweise heute noch) extrem fasziniert, es mir aber oftmals auch schwer gemacht, weil ich einfach nicht der "Ganz oder Gar nicht!"-Typ Mensch bin. Nicht sein mag. Ein bisschen Unerzogen gibt es aber eben nicht. Klar kann ich unerzogen leben und in manchen Bereichen einfach (noch) erzieherisch handeln, das läuft dann aber eher wie gesagt unter "noch nicht so weit sein". Da liegt für mich mein ganz persönliches Problem in der Sache- es ist mir am Ende einfach zu radikal, zu schwarz weiß. Ich bin nicht NOCH nicht so weit gewisse Dinge kategorisch abzulehnen, auch nicht wenn sie mir plakativ immer wieder als Gewalt am Kind definiert werden. Ich WILL das gar nicht.
(Radikal dient mir hier als durchaus neutrales Wort!)
Teilweise (nicht ausschliesslich!) wird in dem Kontext bereits kleinen Kindern die freie Wahl in Bezug auf die Nahrungsaufnahme oder auch den Medienkonsums mit Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht des Kindes, zugestanden. Durchaus begleitet zwar, aber doch möglichst ohne dem Kind die Entscheidung gegebenenfalls in Richtung der eigenen Überzeugung abzunehmen. Diese Form des Eingreifens wird häufig als Fremdregulation und somit als Gewalt am Kind verstanden; gerechtfertigt nur in absoluten Ausnahmefällen, in denen im Zweifel schon Gefahr für Leib und Leben drohen muss, und die dann als "Schützende Gewalt" benannt wird.
Das kann ich zwar nachvollziehen, begreife ich die durchaus logische Schlussfolgerung aus der Haltung heraus, aber erachte es in dem Kontext als wichtiger, unsere Verantwortung als Eltern, unseren Kindern Wissen zu vermitteln, ohne welches sie gewisse Dinge, insbesondere bezüglich des Maßes und der Auswahl (Lebensmittel wie Süßigkeiten oder eben auch Fernsehen/Computerspiele etc.) meiner Sicht nach (noch) nicht realistisch bewerten können. Meine Definition von schützender Gewalt beginnt einfach wesentlich früher, das mag meiner 'folgewidrigen' Haltung in diesem Punkt geschuldet sein, widerspricht ihr aber meiner Meinung trotzdem nicht.
Hier findest Du einen Artikel von mir zu genau diesem Thema, der Dir vielleicht aufschlussreich dazu sein könnte: Kinder und Medienkonsum
Mit Angst oder Beschneidung des kindlichen Selbstbestimmungsrechtes hat das für mich nichts zu tun. Es geht dabei vielmehr gerade mit Hinblick auf Medienkonsum, um Selbstregulation. Diese ist eine Fähigkeit (kein Recht!), die ein Kind im Laufe seiner Entwicklung nur mit Hilfe von Außen (vor allem durch eine sichere Bindung, die enge Beziehung mit den Eltern) erlernen kann und darf meiner Meinung nicht mit dem Recht auf Selbstbestimmung verwechselt werden. Sie ist vielmehr eine Grundvorraussetzung für selbstbestimmtes Handeln.
Ohne die Kompetenz der Selbstregulation ist ein WIRKLICH selbstbestimmtes Essen, Fernsehen etc. nicht in vollem Umfang möglich. Mit all den Eindrücken, Gefühlen und dem Stress, denen ein Kind durch Filme, Werbung, manipulativer Verpackung gerade von Kinderlebensmitteln usw. ausgesetzt ist, kompetent und zu seinem Wohl umzugehen, lernt es nicht einfach durch "begleitet Erfahrungen machen dürfen". Es braucht unbedingt vorab die Sicherheit im Umgang mit all diesen Gefühlen und Faktoren, die es, vor allem in den ersten 3 Jahren, erstmal durch den engen, Vertrauen gebenden Kontakt zu seinen Bezugspersonen, aufbauen muss. Das läuft für mich optimaler weise nicht parallel sondern nacheinander.
Da kann ich begleiten wie ich fröhlich bin, wenn ein Kind aufgrund seines Alters nicht soweit ist, wird es in diesem Fall den kompetenten Umgang mit genannten Dingen nicht erlernen. Nicht soweit, als dass im Anschluss von einer wirklich selbstbestimmten Tätigkeit die Rede sein kann.
Wie bei allen Lernprozessen gibt es immer einen richtigen und einen falschen Zeitpunkt zum Erlernen einer Fähigkeit. Beim Thema Fernsehen, ist nicht davon auszugehen, dass der richtige Zeitpunkt dann ist, sobald ein natürliches Interesse vorliegt. Inwieweit ein natürliches Interesse am Fernsehen überhaupt vorliegen kann, sei mal dahingestellt. Klar ist aber, dass man bereits Babys dafür begeistern kann...
Diese zu früh gewährte (Entscheidungs-)Freiheit überfordert die Kinder in jungen Jahren somit meiner Meinung nach vielmehr und überträgt ihnen eine Verantwortung, die sie noch nicht in der Lage sind zu tragen. Eben auch nicht begleitet!
Hier braucht es Eltern, die zwar zuhören und erklären, aber am Ende, wenn eben logischer Weise aufgrund von fehlendem Verständnis, der für das Kind doch komplexen Zusammenhänge, eine Einigung unmöglich ist, gegebenenfalls allein entscheiden. Und das AUCH, wie ich finde durchaus ohne 'Gefahr für Leib und Leben' in Sicht! 
Ältere, ausreichend sicher gebundene Kinder sind dazu durchaus fähig. Je nachdem wie groß, wie stressig die emotionale Anforderung ist, die an das Kind gestellt wird, kann es auch dann noch nötig sein, dass sich dass Kind bezüglich seiner Gefühle durch die Eltern rückversichert (co-reguliert) - das benenne ich trotz der Co-Regulation durchaus bereits selbstbestimmt. Bedeutet für mich, selbstbestimmter Medienkonsum ist definitiv an eine gewisse Reife und somit an ein Alter gekoppelt und kein Recht, dass erstmal grundsätzlich jedem Kind zusteht. Entwicklung verläuft zwar von Kind zu Kind verschieden, meiner Erfahrung nach ist ein 2 Jähriger dennoch sicher nicht soweit, dass ihm das, ich sage bewußt zugemutet, werden sollte.
Besonders in Hinblick auf das Fernsehschauen bin ich überzeugt davon, dass beispielsweise ein immer wieder, im Grunde übergriffiges Verhalten der Eltern, durch das "Drücken des Ausschaltknopfes" nicht förderlich für die vertrauensvolle Beziehung zum Kind ist. Da das aber im Zweifel zum Schutz der Kinder durchaus nötig sein kann, empfehle ich den Zugang zu diesen Medien nicht verfrüht zu gewähren. Das erspart eine Menge unnötigen Frust und Konflikte. Hinzu kommt, dass ich persönlich auch absolut keinen Mehrwert für ein zweijähriges Kind erkennen kann, das regelmässig auf dem Tablet Serien anschauen darf. Genauso wenig erkennbar scheint mir ein Nachteil, zu einem Kind, dem das beispielsweise erst mit 3 oder gar 4 zugestanden wird.
In vielen Familien ist das ein permanent wiederkehrendes Konfliktthema- mehr als unnötig, wie ich finde.

Ich habe kein Problem damit, dass meine Sicht an dieser Stelle oft als klassische Erziehung hingestellt wird. Meinetwegen ist das so- für mich ist es dennoch mehr als authentisch und schlüssig. Das bin ich. Es sind meine Kinder und da bleibt es eben unmöglich, dass ich sie nicht beeinflusse. Entscheidend ist mir die Motivation, aus der ich das tue. Klassisch erzieherische Gedanken sehe ich da bei mir selber nicht, aber viel wichtiger- selbst wenn- für uns als Familie passt das so. Interessanterweise sind diese Themen für keines meiner großen, teilweise erwachsenen Kinder relevante Themen, was mir natürlich zusätzliche Bestätigung gibt.
Ein "Das ist vielleicht Erziehung, aber es passt halt für uns!" ist ganz sicher nicht Unerzogen, aber in diesem konkreten Fall von Herzen Olivia. Nicht besser oder schlechter, sondern ich. Heute.

Hier geht es somit ausschliesslich darum, wie ICH mein Mama-Sein lebe, und ich möchte meine Herangehensweise nicht an irgendwelchen konkreten Konzepten oder Sichtweisen messen, da ich mir aus vielem nehme, was für mich stimmig ist und daraus in Kombination mit meiner Familie und natürlich meiner Persönlichkeit 'Meins' bzw. 'Unseres' mache.
Davon berichte ich auf diesen Seiten.
Schaut gerne, was davon für Euch passt!

Ich zitiere abschließend liebend gern nochmal Dayna Martin: "Elternschaft soll eigentlich Freude bringen und das tut sie, wenn wir uns darauf verlegen, die Verbindung zu unseren Kindern zu suchen, statt die Kinder zu steuern."

Olivia

Anmerkung:
Ich distanziere mich hier ganz deutlich von der Antiautorität.
Es geht mir um einen respektvollen, gleichberechtigten Umgang mit Kindern, wie ihn Alfie Kohn in „Liebe und Eigenständigkeit“ beschreibt. Frei von Machtmissbrauch und Manipulation.